Kobels Kunstwoche

Arco Madrid 2026; Foto Stefan Kobel
Arco Madrid 2026; Foto Stefan Kobel
Portraitfoto von Stefan Kobel

Stefan Kobel

Kobels Kunstwoche 11 2026

Mögliche Gründe für die etwas schleppend erscheinende Vernissage der Arco erkundet Sarah Belmont für Artnews: „Einige erwähnten eine konkurrierende Frühstücksveranstaltung, die möglicherweise die Aufmerksamkeit der VIPs abgelenkt habe. Andere spekulierten darüber, ob das aktuelle geopolitische Klima die Teilnahme von Sammlern aus der Golfregion verhindert habe. Aber die Arco hat stets ihr eigenes Tempo verfolgt, und gegen Mittag waren die Gänge voller Besucher. 'Wir haben noch nicht viel verkauft, aber ich bin überzeugt, dass wir in den kommenden Tagen die Früchte unserer Arbeit ernten werden', erklärte Chantal Crousel, Gründerin einer gleichnamigen Pariser Galerie, gegenüber ARTnews. 'Es ist eine etwas ruhigere Messe. Es gibt viel zu sehen, und die Besucher nehmen sich wirklich Zeit zum Betrachten. Wenn sie einen ersten Funken verspüren, neigen sie dazu, zunächst einen Schritt zurückzutreten und sich zu vergewissern.'“ Auf die enge Beziehung mit den Institutionen geht Nicole Scheyerer bei Parnass ein: „Die Beschäftigung mit den eigenen Wurzeln – seien das nun ethnische, kulturelle oder künstlerische –, bleibt auf der ARCO eine Konstante. Identität ist nach wie vor ein Leitmotiv. Dass viele Galerien dieses Jahr Fotoarbeiten queerer Künstler:innen zeigen, hängt unter anderem mit der Neuaufstellung der Sammlung im Museum Reina Sofia zusammen, die den Subkulturen der 1980er-Jahre und der Aids-Krise eigene Kapitel widmet.“ Gegen Ende seiner Dienstzeit bei der FAZ (Paywall) darf der Feuilleton-Redakteur Paul Ingendaay noch einmal an seine alte Wirkungsstätte Madrid reisen und die dortige Kunstmesse mit den Worten spanischer Kollegen verreißen: „Die ARCO öffne sich durch kuratierte Kollektivausstellungen jungen Galerien, sagte sie [Arco-Direktorin Maribel López] im Gespräch mit Journalisten, halte die Verbindung zum wichtigen lateinamerikanischen Markt und setze im 45. Jahr ihres Bestehens auf das bewährte Format. Manchen allerdings erscheint das im kleinen Jubiläumsjahr zu wenig. Die Kulturbeilage der Zeitung 'ABC' sieht die Art Basel und Frieze in London als Globalisierungsgewinner, denn diese Messen hätten neue Märkte in Asien und der Golfregion erobert, während die ARCO sich regionalisiere, was schlicht Verzwergung bedeute. In diesem Sinn sei auch der 2016 gegründete ARCO-Ableger in Lissabon mehr von derselben Sache: Kunst im iberischen Weltwinkel. Seit Langem jedoch, so die Kritik, hätten besonders die potenten Sammler aus Lateinamerika ein besseres, leichter erreichbares Schaufenster in Miami, wohin die Art Basel schon 2002 expandierte, ganz zu schweigen von Hongkong im Jahr 2013. Die ARCO, so schließt 'ABC', habe das globale Wettrennen verloren.“ Die rufschädigenden Verdrehungen des spanischen Mediums sind so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist. Es bleibt ein Rätsel, warum der sonst so abwägende Autor sich diesen Unsinn zu eigen macht. Ich war für Artmagazine und das Handelsblatt vom 6. März in Madrid.

Verkaufserfolge von der Frieze Los Angeles hat Arun Khakar für Artsy zusammengetragen.

In einem ausführlichen Essay für den Observer erzählt Paco Barragan die Geschichte der Globalen Kunstmessenkriege: „Während die Art Basel als geopolitischer Architekt fungiert hat – indem sie die weltweit bedeutendsten kulturellen Knotenpunkte ausgewählt, besetzt und konsolidiert hat –, hat sich die Frieze vor allem durch Replikation ausgebreitet und sich an Orten etabliert, an denen bereits ein Ökosystem vorhanden war. Die Mehrheit der Messen weltweit, von Europa bis Asien und von Lateinamerika bis zum Golf, bleibt in regionalen Kreisläufen gefangen. Sie skalieren nicht, sie reorganisieren weder Kapitalflüsse noch Legitimität, und sie verändern die globale Landkarte nicht. Nur die Art Basel tut dies; die Frieze folgt ihren Konturen, anstatt sie neu zu zeichnen. Bis heute ist die Wahrheit über den globalen Kunstmessenkrieg einfach: Die Art Basel verändert Städte; die Frieze schließt sich ihnen an. Der Rest beobachtet von den regionalen Randgebieten aus.“ Absolut lesenwert!

Die Herausforderungen, vor denen die Tefaf steht, analysiert Scott Reyburn in der New York Times (evtl. Paywall): „Nachdem konkurrierende Prestigeveranstaltungen wie die Pariser Biennale und die Londoner Masterpiece ihre Pforten geschlossen haben, ist sie die letzte verbliebene große alte Kunst- und Antiquitätenmesse Europas. [...] Die Stände sind gefüllt mit Kunstwerken und Objekten, die die Zeit stillstehen zu lassen scheinen. Doch außerhalb der Messehallen hat sich in den letzten vier Jahrzehnten in der Kunstwelt – und in der Welt insgesamt – viel verändert. Dies stellt die TEFAF vor Herausforderungen. Europäische Alte Meister, das Kerngeschäft der Messe, sind bei den meisten vermögenden Sammlern aus der Mode gekommen. Im Jahr 2024 spezialisierten sich nur noch 3 Prozent der Kunsthändler weltweit auf Alte Meister, verglichen mit 65 Prozent, die mit zeitgenössischen und Nachkriegswerken handelten“.

Die Londoner Auktionen seien erstaunlich gut verlaufen, analysiert Elisa Carollo für im Observer: „Nachdem die bei Sotheby's am Vorabend erzielte Gesamtsumme von 131 Millionen Pfund darauf hindeutete, dass sich der Kunstmarkt weiterhin mit bemerkenswerter Gelassenheit entwickelt – scheinbar unbeeindruckt von Kriegen, politischen Brüchen und einer sich langsam auflösenden Weltwirtschaft –, bekräftigte Christie's diesen Eindruck gestern (5. März) mit seiner dreiteiligen Abendauktion. Die Versteigerung verlief weitgehend ohne dramatische Zwischenfälle, folgte einem sorgfältig vorbereiteten Drehbuch und brachte dem Auktionshaus letztlich einen Gesamtumsatz von 197.472.600 Pfund (263.823.394 Dollar) ein. Bei den drei Auktionen wurden 21 Lose mit Garantien von Dritten versehen, um deren Ergebnisse zu sichern – ein Anstieg von 52 Prozent gegenüber dem Vorjahr.“

Da der Kunstmarkt immer mehr ein Teils der Luxusgüterbranche werde, lohne sich ein Blick auf die Tendenzen dort, glaubt Elisa Carollo vom Observer: „Berichte aus der Luxusbranche bieten nun einen wichtigen Indikator dafür, in welche Richtung sich der Kunstmarkt entwickeln könnte, insbesondere da Kunst in aktuellen Umfragen als das Luxusgut mit der schlechtesten Performance eingestuft wird. Allein diese Erkenntnis deutet darauf hin, dass der Kunstmarkt noch einen bedeutenden Weg vor sich hat, um auf Verhaltensänderungen bei vermögenden Privatpersonen zu reagieren, auf die benachbarte Branchen bereits reagiert haben.“ Wer hätte je gedacht, dass Kunst bescheiden abschneiden könnte, wenn sie sich zu Handtaschen und Turnschuhen ins Regal stellt?!

Die Aktivitäten der großen Auktionshäuser in der Golfregion beschreibe ich für Monopol (Paywall): „In Dubai, traditionell das finanzmarktfreundlichste Emirat, hat Christie’s bereits vor 20 Jahren die erste Versteigerung abgehalten. Bonhams unterhält dort seit 2007 und Sotheby’s seit 2017 eine Niederlassung. In Abu Dhabi ist Sotheby’s seit dem vergangenen Jahr präsent. Zumeist handelt es sich um Showrooms. Katar muss vorläufig noch mit einem solchen auskommen. Denn ob der Kunstmarkt, der dort gerade mittels der Art Basel Top Down etabliert werden soll, sich tatsächlich als tragfähig erweist, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.“

Wolfram Weimer entpuppt sich immer mehr als freischwingende Abrissbirne in der deutschen Kulturlandschaft. Im Spiegel (Paywall) findet Hannah Pilarczyk deutliche Worte: "Nach einem knappen Jahr im Amt steht er ohne nennenswerte sachpolitische Erfolge da. Wahrscheinlich stört ihn das nicht einmal, denn wie in den vergangenen Tagen klar geworden ist, verfolgt er eine Agenda, die nichts mit dem Koalitionsvertrag zu tun hat: Er forciert den Bruch mit der bisherigen Kulturpolitik des Bundes." Auf Ungereimtheiten in Weimers Vorgehen geht der Tagesspiegel (mit Agenturmaterial) ein: „Ein Sprecher des BKM hat der F.A.Z. nun bestätigt, dass die Behörde die im Haber-Verfahren vorgesehene Möglichkeit der Nachfrage beim Verfassungsschutz zwecks Präzisierung der Auskunft nicht genutzt habe. Zuvor hatte sich Weimer gegen Kritik an seiner Entscheidung gewehrt. 'Extremismus ist in Zeiten hoher Polarisierung zu bekämpfen – nicht zu fördern', sagte der Politiker der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag. 'Mit Steuergeldern finanzierte Preise sollten nur an Institutionen gehen, die über jeden Zweifel erhaben sind.' Was genau den drei Buchläden vorgeworfen wird, wollten Weimer und seine Behörde auf Nachfrage nicht preisgeben. 'Die genauere Art dieser Erkenntnisse unterliegt dem Geheimschutz', so ein Sprecher des BKM.“ Das angeblich angewandte „Haber-Verfahren“ und die wohl fast völlige Unkenntnis des BKM über dessen Anwendung hat Patrick Bahners für die FAZ (Paywall) recherchiert: „Das BMI hielt 2017 die Erwartung fest, Anfragen sollten nur zu solchen Organisationen und Personen gestellt werden, 'die unbekannt sind (z.B. weil sie bislang noch nicht in Erscheinung getreten sind) oder deren Unbedenklichkeit sich nicht aus dem jeweiligen Kontext erschließt'. Dieser Wortlaut lässt schon fraglich erscheinen, ob ein Ansatz zu Erkundigungen über die gut eingeführten Buchhandlungen überhaupt vorhanden war.“ Vollends grotesk ist übrigens die Begründung, mit der Weimer jegliche weitere Auskunft verweigert, indem er sich auf „Geheimschutz“ beruft. Das ist ein ziemlich schweres Geschütz. Denn das Bundesamt für den Verfassungsschutz erklärt den Begriff so: „Ziel des Geheimschutzes ist es, Informationen und Vorgänge, deren Bekanntwerden die Sicherheit oder die Interessen des Bundes oder der Länder gefährden oder schädigen kann, vor unbefugter Kenntnisnahme zu schützen.“ In einer älteren Version des Behördenglossars ging es laut Wikipedia allerdings noch um „lebenswichtige Interessen“. Und bei all dem Zirkus geht es um drei kleine Buchhandlungen. Wir brauchen die AFD anscheinend gar nicht unbedingt, um den Rechtsstaat auszuhöhlen. Das kann unser Kulturminister auch alleine.