Kobels Kunstwoche 15 2026
Der 1. April ist auch immer wieder Anlass für Medienkompetenzübungen. Monopol lässt Wolfram Weimer die documenta an den Tegernsee verlegen. Bei Artmagazine wird die Mehrwertsteuer auf Kunst auf 30 Prozent erhöht. Laut Hyperallergic bekommt der Louvre jetzt Türschlösser.
Kein Aprilscherz ist die dpa-Nachricht von einem Hackerangriff auf die Uffizien in Florenz. Der Datendiebstahl scheint der laufenden Berichterstattung des Corriere della Sera (u.a. hier, hier und hier) so schwerwiegend zu sein, dass einige Objekte ausgelagert und Ausgänge und Fenster zugemauert wurden, da auch sämtliche Details der Sicherheitsmaßnahmen kompromittiert wurden.
Die recht spontan zu den Osterfestspielen neugegründete Salzburg International Fine Art Fair Sifaf hat Sabine Spindler für das Handelsblatt vom 3. April besucht: "Mit 20 Ausstellern ist die Sifaf keine Messe, die sich mit der Tefaf in Maastricht oder der Biennale in Paris messen will. Aber sie vereint Österreichs engagierteste Kunsthändler. [...] Die Sifaf bleibt wie ihre Vorgängermesse in ihrem Konzept sehr österreichisch, Werke von Joan Miró, Alfred Sisley, Alexander Calder oder Alte Meister findet man nicht. Dafür überrascht die neue Messe mit ungewöhnlicher Location. Statt an großzügigen Kojen vorbei bewegt sich der Besucher auf fünf Etagen über Flure und durch kleine Kammern, in denen dicht an dicht Gemälde von Oscar Moll, Franz Grabmayr oder Zoran Music hängen." In der FAZ (Paywall) beschreibt Brita Sachs die Widrigkeiten, mit denen Kunstmessen in Salzburg zu kämpfen haben: „Wie es mit der SIFAF weitergeht, muss sich noch zeigen. Bleibt sie im Koller-Haus, oder sucht sie eine größere Bleibe? Kann man doch noch zurückkehren in die Residenz? Zunächst war die Ablehnung dort mit anstehenden Renovierungsarbeiten begründet worden. Als für diese das Geld fehlte und die Messe sich abermals bewarb, wurde der Denkmalschutz bei der Ablehnung ins Feld geführt. Der hatte freilich jahrzehntelang nichts zu bemängeln und sollte eigentlich Menschen, die tagtäglich mit Kunst umgehen, rücksichtsvolles Verhalten in historischen Räumen zutrauen.“
Eine etwas andere Kunstmesse hat Carlie Porterfield in der kalifornischen Mojave-Wüste für das Art Newspaper besucht: „Könnte die Zukunft der Kunstmessen weniger wie ein Kongresszentrum mit weißen Wänden und mehr wie ein staubiges Motel im Wilden Westen aussehen? In der Hochwüste Südkaliforniens hat die High Desert Art Fair (HDAF) am vergangenen Wochenende für ein unkonventionelles Kunstmessemodell geworben. Mit geringeren Kosten und einem neuartigen Standort in der Nähe von Joshua Tree ist die Messe Teil eines umfassenderen Wandels auf dem Markt, da Sammler und Galeristen gleichermaßen der immer gleichen Kunstmesse-Routine überdrüssig werden und nach neuen Zielgruppen suchen.“ Es braucht noch viel mehr ungewöhnlicher Formate, um Kunst wieder in der Gesellschaft zu verankern. Auch wenn das eine oder andere Event auf den ersten Blick etwas eigenwillig wirkt.
Wie der New Deal Kunst als Werkzeug der Demokratie nutzte, beschreibt John P. Murphy bei Artnews: „Stellen Sie sich eine Welt vor, in der ein Künstler als systemrelevanter Arbeitnehmer gilt. Die Regierung gibt Wandgemälde und Skulpturen für Schulen, Bibliotheken und Krankenhäuser in Auftrag. Aus Steuergeldern werden kostenlose Kurse in Töpfern und Druckgrafik in einem kommunalen Kunstzentrum finanziert. Der Präsident der Vereinigten Staaten fördert die Kunst als unverzichtbaren Bestandteil einer gesunden Demokratie. Diese Welt zeichnete sich zwischen 1933 und 1943 ab, einem Jahrzehnt, in dem die US-Regierung Kunst als öffentliche Ressource und nicht als privaten Luxus betrachtete. Das Ergebnis war überwältigend: Hunderttausende von Kunstwerken – Wandgemälde, Gemälde, Skulpturen, Drucke und Fotografien – von damals noch unbekannten Künstlern wie Willem de Kooning, Philip Guston, Lee Krasner, Jacob Lawrence, Alice Neel, Louise Nevelson, Isamu Noguchi, Jackson Pollock und Mark Rothko. Sie waren Teil der kühnen Vision der kulturellen Demokratie jener Zeit: Kunst vom Volk, für das Volk.“
Vor Wolfram Weimers demokratie- und rufschädigendem Verhalten warnt Janika Gelinek, Leiterin des Berliner Literaturhauses und Jurymitglied es Hauptstadtkultrufonds, in einem Gastbeitrag für die ZEIT (Paywall): „Wolfram Weimer schadet der Verfassung, die er zu schützen meint, und das ist übrigens alles andere als konservativ. Er setzt keine Akzente konservativer Kulturpolitik, sondern sägt mit seinen diversen intransparenten Verfahren an zwei Grundpfeilern unserer Demokratie: der Kunstfreiheit und dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Auch wenn er diese Rechte öffentlich zu schützen vorgibt, entstehen automatisch Mechanismen der Selbstprüfung: Was kann, was sollte man taktisch gesehen noch öffentlich sagen? Und da ist noch keine Rede von seinem rufschädigenden Verhalten für den Kulturstandort Deutschland im Ausland.“
Kunst als Wertspeicher und und Instrument beim Vermögensübergang seien aktuell der Motor des Auktionsgeschehens, glaubt Scott Reyburn im Art Newspaper (evtl. Paywall): „Dieses institutionelle Interesse wird vermutlich durch die Erkenntnis beflügelt, dass im Rahmen des sogenannten 'Great Wealth Transfer' in den nächsten zehn Jahren 1,2 Millionen Menschen Vermögenswerte in Höhe von rund 31 Billionen Dollar an ihre Erben weitergeben werden. Etwas mehr als 10 % des Wertes dieser Vermögenswerte werden laut Schätzungen des Deloitte-Berichts auf Kunst und Sammlerstücke entfallen. Dieser Prozess ist der Haupttreiber für jegliches Wachstum auf dem Kunstauktionsmarkt. [...] Wenn man von den Londoner Auktionen im März ausgeht, werden sich die Superreichen der Welt im Mai in New York nicht allzu sehr darum kümmern, ob im Nahen Osten oder anderswo Krieg herrscht. Begehrte Werke von namhaften Künstlern wie Pollock, Picasso, Brâncuși und Rothko werden enorme Preise erzielen. Doch wenn immer mehr Geld in die relativ sichere Anlage von Blue-Chip-Kunst des 20. Jahrhunderts investiert wird und Kaufentscheidungen zunehmend von der KI-gesteuerten Bewertung finanzieller Risiken beeinflusst werden, wo bleibt dann die Kunst von heute? Geht es bei guter Kunst nicht letztlich um Risiko?“
Der Verkauf eines Saurier-Skeletts über eine reine Online-Plattform für 5,5 Millionen Dollar verdeutliche einen Trend, glaubt Daniel Cassady bei Artnews: „Fossilien werden heute wie Skulpturen katalogisiert, vermarktet und in Szene gesetzt. Zustandsberichte legen den Schwerpunkt auf Vollständigkeit und Restaurierung. Provenienzunterlagen werden wie die eines Gemäldes behandelt. Die Sprache hat sich gewandelt, und mit ihr das Publikum. Die Rolle von Joopiter ist bezeichnend. Die 2022 gestartete Plattform hat ihre Identität auf Design, Mode und kulturellen Kuriositäten aufgebaut. [...] Die Richtung ist jedoch klar. Ein online verkaufter Triceratops für 5,5 Millionen Dollar ist kein Werbegag – es ist das, wie eine Transaktion im mittleren Preissegment aussieht, sobald eine Kategorie vollständig in das Auktionsökosystem integriert wurde. Die Schlagzeilen machen zwar Sotheby’s und Christie’s, doch die nächste Phase des Marktes wird an anderer Stelle erprobt.“ Wahrscheinlich hat er Recht.
Die Albertina bleibt auch nach der Ära Schröder ihrem marktnahen Kurs treu. Jetzt bereitet sie KAWS eine Bühne, berichtet Katharina Rustler im Standard: "Nun kann man es natürlich kritisch sehen oder zumindest belächeln, dass so jemand in ein renommiertes Museum einzieht. Deshalb war Albertina-Generaldirektor Ralph Gleis vermutlich auch eine fundierte, theoretische Einordnung dieser Position so wichtig. Dadurch erhält diese untypische Einzelposition an Gewicht und wird für ein klassisches Museum gerechtfertigt. Eigentlich ein kluger Marketing-Schachzug, der womöglich ganz im Sinne von Gleis neues Publikum ansprechen könnte. Denn vor allem jungen Menschen ist KAWS bisher ein Begriff." Das San Francisco Museum of Art zeigt laut Eileen Kinsella bei Artnet, wie man die Schraube noch weiter drehen kann: „Das San Francisco Museum of Modern Art zeigt derzeit eine Retrospektive des Künstlers – die letzte Station einer Tour durch drei Museen –, die seinen Geschäftssinn verdeutlicht und das Bild eines Künstlers zeichnet, der darauf bedacht ist, ein diversifiziertes Unternehmen aufzubauen und gleichzeitig geschickte Schritte unternimmt, um seine künstlerische Glaubwürdigkeit zu stärken. Im Rahmen der Ausstellung entwarf der Künstler, dessen richtiger Name Brian Donnelly lautet, 1.000 Mitgliedschaften unter dem KAWS-Label, die jeweils 300 Dollar kosteten und eine kostenlose KAWS-Figur sowie KAWS-Karten in limitierter Auflage enthielten.[...] Museen sind begierig auf dieses riesige Publikum, doch auch KAWS profitiert von der Anerkennung durch die Institutionen, was bei der komplizierten Aufgabe helfen kann, den Markt für einen Künstler langfristig aufrechtzuerhalten.“ Allerdings ist das SFMOMA fast vollständig privat finanziert. Wenn die Albertina sich schon amerikanischen Gepflogenheiten bei der Ausstellungspolitik annähert, sollte sie sich auch fragen lassen müssen, warum der Staat sie noch weiter alimentieren soll.
Zur hier bereits letzten Montag gemeldeten Geschäftsaufgabe des Münchner Auktionshauses Neumeister merkt Brita Sachs in der FAZ (Paywall) an: „Große Verdienste erwarb sich Katrin Stoll mit ihrem Engagement für die Provenienzforschung, insbesondere auch mit der Aufarbeitung der eigenen Firmengeschichte hinsichtlich des Vorgängerunternehmens Weinmüller während des Nationalsozialismus. In der Kunsthandelsbranche erntete sie dafür Bewunderung, sorgte aber auch für Unruhe, wohl weil manch einer befürchtete, sie wecke schlafende Hunde. Anders als von Beobachtern erwartet, folgten nur wenige dem guten Beispiel. Die Sommerauktion am 24. Juni findet noch wie geplant bei Neumeister statt.“
Die jährliche Rangliste mit den 100 besucherstärksten Museen der Welt hat haben Lee Cheshire und Elena Goukassian für das Art Newspaper (evtl. Paywall) zusammengestellt und interpretiert: „Unsere jährliche Umfrage zeigt, dass einige der traditionsreichsten Institutionen der Welt nach wie vor Schwierigkeiten haben, wieder so viele Besucher anzuziehen wie vor der Corona-Pandemie; dennoch herrscht Begeisterung für neue Museen, insbesondere in Regionen wie Asien und Lateinamerika.“ Eine deutsche Institution befindet sich nicht darunter. Für Monopol hat Bernhard Schulz die Zahlen analysiert. Die Tabelle selbst steht ohne Paywall zum Download bereit.
In den USA hat ein Gericht den Kunsthändler David Nahmad zur Rückgabe eines von den Nazis geraubten Gemäldes verurteilt, schreibt Graham Bowley in der New York Times (evtl. Paywall): „In seinem Urteil gegen den Kunsthändler und Milliardär David Nahmad sowie die Nahmad-Holding erklärte Richter Cohen, die Beklagten hätten 'keine wesentlichen Sachfragen aufgeworfen und keine Beweise vorgelegt, die eine andere Person als Herrn Stettiner als Eigentümer des Gemäldes ausweisen oder belegen, dass er es freiwillig abgetreten hat'. Herr Stettiner, ein jüdischer Händler britischer Staatsangehörigkeit, starb laut den dem Gericht vorgelegten Unterlagen 1948 in Frankreich. Das Urteil ist ein Erfolg in einem langjährigen Kampf von Herrn Stettiners Enkel, Philippe Maestracci, und dem auf die Rückführung von Raubkunst spezialisierten Unternehmen Mondex. Sie hatten bereits Jahre vor Einreichung der Klage damit begonnen, sich um die Rückgabe des Gemäldes zu bemühen, dessen Wert einst auf bis zu 25 Millionen Dollar geschätzt wurde.“
Der Berliner Künstler Sven Vollbrecht möchte dem Gallery Weekend Berlin die Domain gallery-weekend-berlin.com gratis überlassen, doch das scheint sich quer zu stellen. Bei Facebook erklärt der Künstler seine Aktion: „'Ich will kein Geld. Ich will, dass die Institution den Wert ihrer digitalen Identität erkennt“, sagt Vollbrecht […]. Er verlangt eine persönliche Entgegennahme durch die Geschäftsführung am 1. Mai 2026. Dass seit Kurzem ein Jurist als Vermittler zwischengeschaltet wurde, markiert einen strategischen Wendepunkt in der Auseinandersetzung, doch Vollbrecht bleibt unbeeindruckt. Er nutzt die rechtliche Grauzone des Domain-Besitzes gezielt, um die Machtverhältnisse zwischen Künstler und Institution umzukehren. Wer das Gallery Weekend digital finden will, muss sich auf seine Bedingungen einlassen.“ Geschenke zeichnen sich allerdings dadurch aus, dass sie an keine Gegenleistung gebunden sind. Anderenfalls handelt es sich um irgendeine Form von (Tausch-) Geschäft oder Erpressung.
Jetzt gibt es auch einen direkten Link zur Folge von Johann Königs Podcast Was mit Kunst, in dem er mit mir über den Kunstmarkt spricht.