Kobels Kunstwoche

Lösung in Sicht für Benin-Bronzen; Foto Daderot via Wikimedia
Bürgerdialog: Die Galeristin Arne Linde (ASPN Leipzig) und Angela Merkel

Kobels Kunstwoche 18 2021

Ein weitgehend nur digital erlebbares Gallery Weekend Berlin erzeugt auch medial einen bescheideneren Aufgalopp als gewohnt. Georg Imdahl erklärt in der FAZ: „Das Gallery Weekend war einmal erfunden worden, um den Mehrwert kuratierter Ausstellungen gegenüber dem Angebot in der Messekoje auszuspielen. In der Pandemie gilt es nun aber auch hier verstärkt, Online-Verkäufe zu generieren, denn auf internationale Kundschaft in Präsenz kann das Berliner Format bei der siebzehnten Ausgabe nicht zählen. Deshalb müssen sich die Galeristen daran gewöhnen, ihre Klientel in Zoom-Konferenzen und Webinaren knapp und beredt durch die Ausstellungen zu führen.“ Für die Weltkunst hat Christiane Meixner vorab einen Rundgang unternommen.

Einmal quer durch Berlins Mitte folgt Nicola Kuhn der 30jährigen Geschichte der Galerie Carlier | Gebauer für den Tagesspiegel.

Über ihre Erfahrungen des letzten Jahres und ihre Wünsche für die Zukunft hat Christiane Meixner für den Tagesspiegel mit acht Berliner Galeristen gesprochen.

Der Gender Pay Gap verkleinere sich langsam, stellt Michaela Nolte im Tagesspiegel vom 30. April fest: „Auf Auktionen und im Bereich musealer und öffentlicher Sichtbarkeit haben Künstlerinnen in der letzten Dekade an Terrain gewonnen. Laut Kunstkompass sind die 100 „Stars von morgen“ etwa zur Hälfte weiblich und Artprice verzeichnet bei den nach 1980 Geborenen einen Frauenanteil von 31 Prozent gegenüber 14 Prozent über alle Generationen hinweg. Die gläserne Decke ist auf dem Kunstparkett noch nicht durchbrochen, sie besteht aber nicht mehr aus Panzerglas. Auch dem Berliner Gallery Weekend gelingt in diesem Jahr ein nahezu ausgewogenes Programm mit Ausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern.“

Im Rahmen des Bürgerdialogs hat sich Angela Merkel mit Vertretern der Kulturbranche unterhalten. Die Leipziger Galeristin Arne Linde war auch dabei (ab Minute 32:20) und hat im Vorfeld der Bundesregierung ein Interview gegeben: „Die Kunst hat in den Monaten der Krise gelitten und viel Stillstand ertragen, und ich erwarte, dass sich die aufgestaute Energie ihren Weg bahnen wird und aus den Ateliers, den Werkstätten und Kollektiven wichtige Impulse kommen werden für die Gestaltung einer Gesellschaft, die im vergangenen Jahr in so vieler Hinsicht auf die Probe gestellt wurde. Ich erwarte, dass die Kunst sich Gehör verschafft und wünsche mir von ganzem Herzen, dass nicht zu viele Kunstschaffende, Galerien und auch Institutionen auf der Strecke bleiben. Meine persönliche galeristische Arbeit wird wohl in den nächsten ein, zwei Jahren davon geprägt sein, die Lücke aufzuarbeiten, die die Corona-Zeit gerissen hat.“ Zum leidigen Thema des vollen Mehrwertsteuersatzes auf Kunst seit 2014 entlockt die Galeristin der Bundeskanzlerin ein bemerkenswertes Zugeständnis: „Das hätte ich jetzt nicht genau auf dem Schirm gehabt […] Der Frage kann ich noch mal nachgehen.“ dpa hat eine Zusammenfassung des Gesprächs erstellt, nachzulesen unter anderem im Tagesspiegel. Im Anschluss hat sie (die Galeristin) dem MDR noch ein Interview gegeben.

Der Star der Auktionssaison könnte Jean-Michel Basquiat werden, vermutet Katya Kazakina bei Artnet unter Berufung auf die entsprechenden Experten der Auktionshäuser: „'Alles, was mit der neuen Generation schwarzer Künstler zu tun hat, hat mit ihm begonnen', sagt Alex Rotter, Christie's Chairman of 20th and 21st century art. 'Ohne Basquiat wäre die Kunstgeschichte der letzten 40 Jahre ganz anders verlaufen. Er ist im Moment der begehrteste Künstler.'“

Nicht nur NFTs von Sneakern, auch Turnschuhe erzielen jetzt Millionenpreise! Ein Paar von Kanye West getragenen Prototypen des Air Yeezy 1 hat bei Sotheby's den Rekordpreis von 1,8 Millionen US-Dollar eingespielt. Käufer ist laut Tom Huddleston Jr. von CNBC Rares, ein Investmentfond für – Sneaker.

Eine Art NFT-Gelddruckmaschine hat der jetzt teuerste kanadische Künstler Mad Dog Jones bei Phillips versteigern lassen; Details dazu von mir im Handelsblatt.

Den Abgleich mit Walter Benjamin sucht in diesem Zusammenhang Adiran Lobe in der WeLT vom 30. April: „Der sich selbst reproduzierende Kopierer 'Replicator' ist ein Gesamtkunstwerk, dessen Innovation sich aus den programmiertechnischen Elementen speist. Vielleicht kann man sagen, dass der Code in seiner Black-Box-Haftigkeit eine gewisse Aura hat. Man weiß schließlich nicht, ob das Kopiergerät etwas ausspuckt oder streikt. Und das Sprechen über die geheimnisvollen Tokens trägt gewiss auch zu ihrer Mystifizierung bei. Doch scheinen NFT auch eine inwendige Kraft zu besitzen, Neues zu schöpfen und Altes zu verbriefen.“

Zwar seien NFTs gekommen, um zu bleiben, glaubt Simon de Pury bei Artnet. Ihn selbst scheinen sie jedoch lediglich als Finanzinstrument zu interessieren: „Es stellt sich die Frage, ob das Bedürfnis, physische Dinge zu besitzen, bleiben wird. Immerhin folgte auf meine einst riesige Sammlung von Schallplatten eine ebenso riesige Sammlung von CDs. Heute bin ich vollkommen zufrieden damit, den ganzen Tag Musik auf Spotify zu hören. Eine physische Zeitung oder Zeitschrift habe ich seit Monaten nicht mehr gelesen. Gewohnheiten ändern sich eben. Besitz war sowieso immer etwas Abstraktes. Ein fabelhaftes Kunstwerk bei einem Sammler zu betrachten, ist fast so befriedigend, wie es selbst zu besitzen. Selbst seit vielen Jahren akut an der Sammlerkrankheit leidend, sei es für Objekte mit hohem oder niedrigem Wert, bin ich seltsamerweise nicht versucht, NFTs für meine eigene Sammlung zu erwerben. Ich liebe, lebe und atme Kunst, aber ihre Anziehungskraft auf mich ist rein physisch. In der digitalen Welt ist Porno das mit Abstand größte Geschäft. Allerdings werden keine technischen Innovationen jemals auch nur annähernd an echten Sex herankommen.“

„Eine Blase für Doofe“ nennt die Künstlerin Hito Steyerl den NFT-Boom in der Mai-Ausgabe von Monopol: „Die gesamte Kryptokunstwelt ist ein Replikat der hässlichsten Teile der existierenden Kunstwelt, abzüglich der Kunst.“

Ein Lanze für NFTs bricht hingegen Anika Meier in ihrer Antwort auf Steyerl bei Monopol online: „Ja, warum überhaupt erwartet man von NFTs und den Marketplaces, dass alles besser und anders und innovativer ist als in der traditionellen Kunstwelt? Die neue Technologie revolutioniert den Kunstmarkt und sorgt dafür, dass digitale Kunst endlich gehandelt werden kann wie Malerei und Skulptur. Dass sie alle Probleme der Kunstwelt löst, ist dann vielleicht doch etwas viel verlangt, denn das ist die Aufgabe der Protagonist:innen.“

Den Hype wie die Missverständnisse um NFTs bringt ein Tweet des Gaming-Podcasters Calvin Wong auf den Punkt: „Ich gehe in eine Galerie und möchte ein NFT eines Gemäldes kaufen. Ich zahle den geforderten Preis und sie drucken eine schicke Quittung aus und geben sie mir. Nebenbei verbraucht der Quittungsdrucker mehr Strom als eine Kleinstadt. Sie behalten das Gemälde. Ich bekomme nur die Quittung.“

Für die Chronik: Jeff Koons wechselt von Gagosian und Zwirner zu Pace, nachzulesen bei Alex Greenberger von Artnews, während Tessa Solomon im selben Medium den Wechsel Isamu Noguchi von Pace zu White Cube verkündet. Der ehemalige Christie's-Mitarbeiter Stephen Brooks löst Ed Dolman als CEO bei Phillips ab, meldet Angelica Villa ebenfalls bei Artnews. Die aufsehenerregendste Personalie: Amy Capellazzo verlässt Sotheby's. Katya Kazakina hat bei Artnet nicht nur Schmeichelhaftes über die Mit-Gründerin der Beratungsfirma Art Agency, Partners zu sagen, die vor fünf Jahren erst von Sotheby's für 85 Millionen Dollar übernommen worden war.

Die Restitution von Franz Marcs Gemälde „Die Füchse“ schaffe einen Präzedenzfall, urteilt Sebastian Preuss in der Weltkunst: „Kein Zweifel, aus moralischer Sicht rechtfertigt das schwere Schicksal der Familie Grawi die Restitution: Ohne den Verlust aller Rechte und Besitztümer, vor allem ohne die Todesgefahr, die ihm in Deutschland drohte, wäre Kurt Grawi nicht in die Zwangslage gekommen, sein Lieblingsbild verkaufen zu müssen. Man würde gerne wissen, ob sich die Limbach-Kommission der Reichweite ihrer Entscheidung bewusst ist. Denn die Düsseldorfer Restitution könnte künftig als Präzedenzfall dafür dienen, im Grunde alles zu restituieren, was [vor] 1933 aus jüdischem Besitz in andere Hände kam.“

Die jüngsten Entscheidungen zur Rückerstattung von Raubkunst sieht auch Swantje Karich in der WeLT vom 28. April nicht nur positiv: „Gleichwohl birgt die zuletzt in den Fällen Semmel und Grawi geübte Praxis eine Gefahr. Der Zeitgeist fordert Gerechtigkeit für immer neue und immer zahlreichere Gruppen von tatsächlich oder vermeintlich Diskriminierten. Und immer häufiger versuchen verschiedene Institutionen mit Ad-hoc-Entscheidungen Gerechtigkeit herzustellen. So droht der Rechtsstaat in den Gerechtigkeitsstaat abzugleiten und damit die Gefahr von Willkür und Beliebigkeit. Um dies zu verhindern, bietet ein Rechtsstaat klare Verfahrensregeln und Entscheidungsgrundlagen – ohne Ansehen der Person.“

Die in öffentlichem deutschen Besitz befindlichen Benin-Bronzen sollen nach Afrika zurückkehren, meldet die Weltkunst. Die nicht ganz überraschende Ankündigung von Außenminister Heiko Maas zur Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria begrüßen Swantje Karich und Hans-Joachim Müller in der WeLT: „Jenseits all dieser Bedenken ist dies ein guter Tag, ist es eine gute Entscheidung, weil sie belegt, dass die Jahre des Versteckspiels vorbei sind, Jahre in denen lange behauptet wurde, die afrikanischen Länder wüssten doch nichts damit anzufangen. Vorbei ist auch, dass behauptet wird, man habe sich schon lange mit den Bronzen und ihrer kolonialen Geschichte beschäftigt. Es verträgt gar keinen Zweifel, dass sich deutsche Museen lange Zeit unendlich schwergetan haben, überhaupt so etwas wie ein Problembewusstsein für das eingelagerte Raubgut zu entwickeln. Dass die Einsicht spät, womöglich zu spät gereift ist, gehört zur Geschichte, für die man hierzulande erst noch eine Hellhörigkeit und Helläugigkeit entwickeln muss.“

In welchen Institutionen welcher westlichen Länder sich überall Benin-Bronzen befinden, hat Catherine Hickley für das Art Newspaper recherchiert.

Durch das Dickicht von Auskunftsrechten und -pflichten beim Folgerecht führt die Düsseldorfer Anwältin Eva N. Dzepina die (kostenlos angemeldeten) Leser der Weltkunst: „Die Pflicht zur Auskunftserteilung läuft im Ergebnis darauf hinaus, dass jede Weiterveräußerung eines Kunstwerks der Verwertungsgesellschaft gemeldet werden muss. Nach diesseitiger Auffassung besteht diese Verpflichtung auch dann, wenn nicht explizit danach gefragt wird. Dies ist allein deshalb nachvollziehbar, weil die Verwertungsgesellschaft ja nicht zwingend wissen kann, wo – bei welchem Kunsthändler, Versteigerer, Vermittler – sie überhaupt Auskunft einholen sollte. Weiter ist es nach diesseitiger Auffassung so, dass eine Person oder Institution, die keine Auskunft über einen Weiterverkauf erteilt, gegebenenfalls sogar strafrechtlich verfolgt werden kann, da sie den Künstler um seinen Folgerechtsanteil bringt. Gleiches gilt für eine unrichtige oder unvollständige Auskunft.“

Einen Teil fälliger Steuern in Höhe von umgerechnet 10,8 Milliarden US-Dollar begleichen die Samsung-Erben durch die Schenkung der rund 20.000 Werke umfassenden Kunstsammlung des verstorbenen Firmengründers Lee Kun-hee an öffentliche Museen, berichtet Andrew Russeth bei Artnews.

Zum 80. Geburtrtag gratuliert Brita Sachs der Sammlerin Ingvild Goetz in der FAZ vom 30. April: „Das alles soll nicht im Lager versauern, also baut Ingvild Goetz ein eigenes Museum nach Plänen von Herzog & de Meuron in ihrem Garten und macht ihre Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich. Seit 1993 zeigt sie dort Wechselausstellungen, wo man oft genug das sieht, was den anderen Münchner Kunsthäusern fehlt.“

Den verstorbenen Sammler Eli Broad würdigt Christopher Knight in der Los Angeles Times.