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Kobels Kunstwoche

Der Zustand der Kunstkritik; Bild Rachel Cobcroft via Flickr unter CC BY-NC-SA 2.0
Der Zustand der Kunstkritik; Bild Rachel Cobcroft via Flickr unter CC BY-NC-SA 2.0

Kobels Kunstwoche 27 2021

Die Messe Schweiz habe ihre Lektion gelernt und unternehme viel, um Basel als Messestandort attraktiv zu halten, lobt Raphael Suter in der Basler Zeitung vom 30. Juni. In der Gastronomie und der Hotellerie hätten aber noch nicht alle die Zeichen der Zeit erkannt: „Dass sich dabei einige als geradezu unersättlich gezeigt haben ist mit ein Grund, weshalb Basel bei manchen Ausstellern und Besuchern keinen sehr guten Ruf hat. 'Die Stadt, in der es die teuerste Bratwurst der Welt gibt', schrieb ein amerikanischer Journalist mit Blick auf zum Teil völlig überrissene Preise während den Messen. Und auch die Tatsache, dass die Zimmerpreise in gewissen Hotels während der Art Basel und der Baselworld in astronomische Höhen steigen, hat nicht zu einem sympathischen Gesamteindruck der Stadt Basel beigetragen. Wenn Basel als Messestadt eine Zukunft haben will, müssen sich alle Player mässigen und jede Abzocke vermeiden.”

Sein bereits im März lanciertes Projekt „The Currency“ erklärt Damien Hirst im Gespräch mit Stefanie Bolzen in der WeLT (Paywall) : „Es ist die Wende vom zentralisierten zum dezentralisierten System. Mein Projekt 'The Currency' besteht aus Arbeiten auf A4-Papier. Die Idee ist, dass wir 10.000 davon als NFTs verkaufen. Das ist wie eine Jpeg-Datei mit höchster Auflösung, mit allen Details, mit Hologramm, ganz viel Info. Zum NFT gehört aber auch die originale Arbeit auf Papier. Nach einem Monat muss sich der Käufer entscheiden, ob er das NFT für die Arbeit eintauscht. Er kann nur eines behalten. Wenn das NFT nach einem Jahr nicht eingetauscht ist, zerstöre ich das Kunstwerk. Es ist ein Experiment, wie die Preise auf die unterschiedliche Nachfrage reagieren. Das ist sehr aufregend! Die Brücke zu schlagen zwischen realer und digitaler Welt.“ Das ist insofern interessant, als sich beides im Prinzip ja nicht ausschließt – ein NFT kann ein physisches Kunstwerk zertifizieren, während das, was gemeinhin als NFT bezeichnet wird, in diesem Fall dann ein auf der Blockchain zertifiziertes JPEG ist. Hirst dürfte es wohl eher um die Frage gehen, ob die Käufer ein digitales oder auf Papier gedrucktes Werk wollen – und wie sich auf dem Sekundärmarkt die Preise für beides entwickeln. Allerdings wurde der Drop bereits vor einem Vierteljahr angekündigt.

Nach zehn Jahren hat der Sammler Thomas Olbricht die Auguststraße in Berlin mit seiner Sammlung verlassen und nur seine Beton gewordene Dominanz-Pose ist zurückgeblieben. Tobias Timm kritisiert das in der aktuellen Ausgabe von Monopol: "Olbricht hat seine Sammlung im Pandemiejahr 2020 recht still aus Berlin abgezogen. Ein Großteil der Bilder und Objekte wanderte nach exakt zehn Jahren Ausstellung ins Auktionshaus. Auf die Frage, ob er – wie andere Sammler – Kunst einer Stadt oder einem Land schenken würde, antwortete Olbricht in einem Interview mit dem Fokus: auf keinen Fall. Der Fall Olbricht zeigt auch beispielhaft, dass die Öffentlichkeit nie auf ein wirklich nachhaltiges Engagement von Privatsammlern setzen sollte. Womöglich wird sie aber noch lange mit unerwarteten Folgen individueller Sammler Lust zu kämpfen haben."

Dem beklagenswerten Zustand der Kunstkritik nimmt sich der Berliner Kunsthsitoriker Jan van Brevern in einem langen Essay in der aktuellen Ausgabe von Monopol an: „Dass den Kunstkritikerinnen und -kritikern das Verständnis schnell abgesprochen wird, sobald sie sich negativ äußern, hat dabei sicherlich auch mit der engen institutionellen Verknüpfung von Kunstkritik, Kunsthandel und Ausstellungswesen zu tun. Die Kritiker erscheinen da die Dienstleister im Kunstbetrieb, denen kaum mehr als 'eine apologetische Form der Hofberichterstattung' zugestanden wird.“ Ohne Not unterlässt es der Autor dabei, den Elefanten im Raum zu erwähnen. „It's the economy, stupid“, wusste schon Bill Clinton. Oder, wie es mir ein ehemaliger Messe-Direktor einmal ähnlich einleuchtend erklärte: „If you pay peanuts, you get monkeys.“ Woher soll eine kritische und unabhängige Kunstkritik auch kommen, wenn deren Verfasser fast ausnahmslos in prekären Verhältnissen leben und sich in ihrer existenziellen Not oft genug für Katalogbeiträge, Eröffnungsreden, Künstlergespräche etc. pp. bei den Protagonisten ihrer Kritik verdingen müssen. Von Magazin- und Zeitungshonoraren alleine kann kaum jemand überleben.

Die Kunstszene nahe an der Produktion richtet sich gerade auf eine Re-Regionalisierung ein, während die großen Auktionshäuser an weltumspannenden Events arbeiten. Das hat Stephanie Dieckvoss bei den Londoner Auktionen für das Handelsblatt beobachtet: „Um Kunden in Asien wie auch Amerika anwerben zu können, legten sowohl Sotheby’s wie auch Christie’s ihre Sommerauktionen für das Beste aus der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts in London mitten in den Nachmittag. Phillips in London ließ die Juniauktion gleich ganz ausfallen, pandemiebedingt, wie das Haus bekannt gab. So geht mittlerweile jedes Haus seinen eigenen Weg – völlig vernetzt versteht sich. Sotheby’s Auktion mit britischer Kunst des 20. Jahrhunderts machte erstaunlicherweise den Wochenauftakt. Die Auktion wurde um einen einzigen Höhepunkt arrangiert, das 2002 geschaffene Porträt, das Lucian Freud von seinem Malerkollegen David Hockney in stundenlangen Porträtsitzungen geschaffen hatte.“

Die neuen Strategien der Auktionshäuser untersucht auch Scott Reyburn in der New York Times: „Sotheby's, wie auch Christie's, bieten in London keine spezielle Auswahl an hochpreisiger impressionistischer Kunst mehr an. Das gelegentliche Juwel des späten 19. Jahrhunderts, wie eine Degas- oder van Gogh-Zeichnung, wird immer noch in Abendauktionen mit Material des 20. und 21 angeboten, wenn sie wertvoll genug ist. Diese Woche verkaufte Sotheby's zum Beispiel ein Degas-Pastell einer badenden Frau aus dem Jahr 1883 für 2,7 Millionen Pfund, umgerechnet 3,7 Millionen Dollar, und Christie's eine van Gogh-Zeichnung eines Mannes aus dem Jahr 1885, der Kartoffeln ausgräbt, für 862.000 Pfund, umgerechnet etwa 1,2 Millionen Dollar. Phillips hat im Juni keine großen Kunstauktionen in London abgehalten und sich stattdessen auf die Eröffnungsverkäufe in seinem neuen New Yorker Hauptsitz konzentriert.“

Diese Neuausrichtung habe habe den Versteigerern einen großen Erfolg beschert, analysiert Kabir Jhala im Art Newspaper: „Obwohl die Auktionen als 'Abendverkäufe' angepriesen wurden, war auch dies eine falsche Bezeichnung, da sie am europäischen Nachmittag stattfanden. Wie der Geschäftsführer von Christie's, Guillaume Cerutti, später in einer Pressekonferenz nach der Auktion bestätigte, geschah dies, um die Teilnahme asiatischer Käufer zu ermöglichen, die in rasantem Tempo westliche Werke aufschnappen. Cerutti beschrieb, dass in dieser Verkaufssaison ein 'historisches Ausmaß' an asiatischen Bietern zu verzeichnen war, das den üblichen Anteil von 30 bis 35 Prozent weit übertraf, obwohl er noch keine konkreten Zahlen nennen wollte. Insgesamt erzielte die Auktion 153,6 Mio. Pfund (mit Gebühren), wobei 90 Prozent der Lose verkauft wurden. Der Londoner Teil erzielte 119,2 Mio. Pfund (mit Gebühren) und lag damit genau innerhalb der Schätzung von 93 bis 136 Mio. Pfund (alle Schätzungen sind ohne Gebühren berechnet), was Christie's die 'beste Sommersaison seit 2017' bescherte.“

Vergleichbares hat Barbara Kutscher in New York für das Handelsblatt beobachtet: „'Es ist ein außergewöhnlicher Moment. So etwas habe ich in meiner langen Karriere noch nicht erlebt', kommentierte [Ed] Dolman den Abend. Sämtliche 48 aufgerufene Lose – zwei weitere waren zurückgezogen worden – wurden vermittelt und hämmerten die alle Erwartungen übertreffenden 118 Millionen Dollar ein. Der Abend war eine Fortsetzung von Phillips’ ebenso erfolgreicher Hongkonger Auktionsserie Anfang Juni, die das beste Ergebnis für Phillips Asia holte. Dieses Wachstum verdankt sich auch der im Dezember 2020 begonnenen Partnerschaft mit Beijing Poly Auction, Chinas größtem staatseigenen Auktionshaus. Sie verschafft Phillips Zugang zu kontinentalchinesischen Käufern.“

David Zwirners „Plattform“, die der Mega-Galerist zu Beginn der Pandemie auch kleineren, jüngeren Galerien zur kostenlosen Nutzung überlassen hatte, entwickelt sich zum Erfolgs- und Geschäftsmodell, hat Barbara Kutscher für das Handelsblatt erfahren: „Nun stellen auf dem neu geschaffenen, ebenfalls schlicht 'Platformart' genannten Kanal etwa ein Dutzend dynamischer junger Galerien, bisher überwiegend aus New York und Los Angeles, etwa 100 Kunstwerke des Primärmarktes ins Netz. Vieles wird extra für die von Zwirners 'Platform'-Team kuratierten Auftritte geschaffen. Die immer publizierten Preise reichen von 2500 Dollar bis zu 50.000 Dollar. Aber nun kassiert bei jedem Verkauf der Vermittler, die unabhängige Firma David Zwirner Digital, eine Kommission von 20 Prozent. 'Es ist ein komplett neuartiges Modell', sagt Davids Sohn Lucas (30), einer der Motoren hinter 'Platform', zum Handelsblatt. Ganz unabhängig von Sammlerhierarchien kann hier jeder seinen Warenkorb beladen und über die 'Buy Now'-Funktion mittels Kreditkarte auschecken."

Die mitunter durchaus antimoderne Haltung vieler westlicher Malerschulen der Klassischen Moderne verhilft ihren Vertretern heute zu hohen Preisen. Anhand einer aktuellen Ausstellung in der Frankfurter Schirn skizziert Peter Ditmmar in der WELTKUNST (kostenlose Anmeldung) den Markt für kanadische Malerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: „Das Gleiche gilt für Menschen, auf deren Anwesenheit nur ein Kanu, geschlagenes Holz oder ein paar Häuser verweisen. Die wenigen Gemälde mit Industrieansiedlungen bilden lediglich ein Zwischenspiel, ehe die Auswahl mit Hymnen auf einsame Bäume und die Faszination des Nordlichts ausklingt. Infolgedessen wirken die Wand- und Begleittexte mit ihrem Wenn und Aber zu Kapitalismus, Ausbeutung der Natur und der Rohstoffe, der kolonialistischen Inbesitznahme des Landes und der Unterdrückung der 'First Nations' etc. denunzierend, weil sie den Malern vorwerfen, nicht das gemalt zu haben, was sie aus heutiger Sicht hätten malen sollen.“

Für die in Deutschland befindlichen Benin-Bronzen wird die Heimkehr immer konkreter, ist einer dpa-Meldung, unter anderem bei Monopol, zu entnehmen: „Aus Deutschland sollen als koloniales Raubgut geltende Benin-Bronzen an Nigeria zurückgegeben werden. Der Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ermächtigte den Präsidenten von Deutschlands größter Kultureinrichtung, Hermann Parzinger, mit den zuständigen Stellen in Nigeria Verhandlungen über die Rückführung von entsprechenden Objekten zu führen. Ziel seien substanzielle Rückgaben im kommenden Jahr, hieß es in einer Mitteilung.“