Kobels Kunstwoche

Sommerausgabe I/III; Foto Stefan Kobel
Sommerausgabe I/III; Foto Stefan Kobel
Portraitfoto von Stefan Kobel

Stefan Kobel

Kobels Kunstwoche 27 2026

Der Kunstmarkt ist mit der leisen Hoffnung ins Jahr 2026 gestartet, dass es jetzt wieder aufwärts gehe. Die Veränderungen zu früheren Konjunkturzyklen lassen sich jedoch nicht von der Hand weisen, wie im ersten Teil unseres dreiteiligen Rückblicks auf die Frühjahrssaison deutlich macht.

In der WeLT sucht Marcus Woeller in den ersten Januartagen nach einer Erklärung für den Trend zur Vermischung der Märkte für Collectibles und Kunst: „Das Luxussegment dient längst nicht mehr bloß als Ergänzung, sondern als Stabilisator – und womöglich als Wachstumsmotor. Es ist planbarer und krisenfester als der Markt für klassische Kunst, der unter einem knapper werdenden Angebot höchster Qualität leidet, während die Weltwirtschaft insgesamt unter geopolitischer Unsicherheit ächzt. Selbst ultra-vermögende Käufer im Hochpreissegment agieren vorsichtiger. Mit jüngeren Kunden teilen sie jedoch eine Haltung: Sie unterscheiden immer weniger zwischen E und U, zwischen Fine Art und Luxusobjekt, sondern investieren in ikonische Stücke mit Geschichte. Die Auktionshäuser folgen dieser Logik.“

Der in den letzten Jahren stark gewachsene Bereich des Art Lending erfährt einen Rücksetzer, erklärt Josh Spero in der Financial Times (Paywall): „Laut einer neuen Studie kam es 2024 bei der Hälfte der Nichtbanken, die Kredite gegen Kunstwerke vergeben, zu Kreditausfällen, gegenüber nur 17 Prozent zwei Jahre zuvor. [...] Harry Smith, Vorstandsvorsitzender des Kunstgutachters Gurr Johns, sagte: 'Die traditionellen Märkte sind gespalten zwischen den Besten und dem Rest. Kredite an die Besten sind in Ordnung – Kredite an den Rest sind absolut nicht in Ordnung.' Gurr Johns, das jährlich Kunstwerke im Wert von 4 bis 5 Milliarden Dollar bewertet, die als Sicherheiten dienen, gibt seinen Geschäftbereich für Kleinkredite auf.“

Die Berliner Galerie Mehdi Chouakri legt eine Pause ein, melde ich bei Artmagazine. Brian Boucher von Artnews gegenüber begründet der Galerist seinen Schritt: „'Meine Entscheidung hat ganz persönliche Gründe', erklärte Chouakri in einer E-Mail an ARTnews. 'Wie Sie wissen, erfordert das traditionelle Primärmarktmodell immer mehr Zeit und Energie, und ich möchte mehr Zeit für die Menschen in meinem Umfeld aufwenden.' Die Galerie werde möglicherweise bereits im Herbst eine weitere Ausstellung organisieren, sagte er.“

Das Vertrauen in den Kunstmarkt sei zurück, resümiert Daniel Cassady für Artnews den Global Art Market Outlook 2026 von ArtTactic (nur 245 Britische Pfund): „Die Erholung ist jedoch nicht gleichmäßig verteilt. Das größte Vertrauen herrscht am oberen und unteren Ende des Marktes. Werke mit einem Preis von über 1 Million US-Dollar erleben aufgrund des wiederkehrenden Angebots an hochwertigen Werken ein erneutes Interesse, während Werke unter 50.000 US-Dollar von einer stabilen Transaktionsaktivität und einer breiteren Käuferbeteiligung profitieren. Der mittlere Marktbereich bleibt zwischen diesen beiden Polen eingeklemmt, da weniger Käufer bereit sind, ihre Grenzen zu überschreiten.“ Der Begriff „Mittelmarkt“ hat dies- und jenseits des Atlantiks unterschiedliche Bedeutungen.

Einblicke in den Kunstmarkt entlockt der kulturpolitische Reporter Peter Grabowski Isabel Apiarius-Hanstein vom Kölner Kunsthaus Lempertz, dem Düsseldorfer Galeristen Rupert Pfab, Nadine Oberste-Hetbleck vom Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung (ZADIK) in Köln und mir in der Radiosendung „Mondpreise und Millionenverluste: Kunstmarkt in der Krise“ auf WDR3, auch als Podcast zum Download.

Nifty Gateway macht dicht. Der bekannten NFT-Plattform wird von ihrer Muttergesellschaft Gemini, einem Krypto-Dienstleister der Winklevoss-Brüder mit Sitz auf Malta, der Stecker gezogen. Künstler, Sammler und „Investoren“ haben bis 23. April Zeit, ihre Assets zu anderen Plattformen zu transferieren. Valentina di Liscia kommentiert bei Hyperallegic.

Das Handelsblatt scheint seine Online-Berichterstattung über den Kunstmarkt eingestellt zu haben. Der letzte aktuelle Text stammt aus dem Geldanlage-Ressort, der letzte reguläre Text unter dem Label Kunstmarkt stammt von Anfang Januar. Eine Anfrage, ob dieser Zustand permanent oder temporär sei, hat die Pressestelle der Handelsblatt Media Group seit dem 11. Februar unbeantwortet gelassen. Sollte die Online-Berichterstattung tatsächlich nicht einmal mehr für Abonnenten zugänglich sein, ginge eine bisher maßgebliche Stimme der Öffentlichkeit weitgehend verloren.

Der Eigentümerwechsel des Art Newspapers von Inna Bazhenova zur Hongkong-chinesischen AMTD Group scheint nicht ganz reibungslos vonstatten zu gehen, berichtet George Nelson bei Artnews. Die Quintessenz des detailreichen Artikels: Man streitet sich ums Geld und trifft sich vor Gericht.

Die Salzburger Galerie Thomas Salis ist ausweislich ihrer Webseite seit Ende letzten Jahres dauerhaft geschlossen. Zuerst bemerkt hat es Brita Sachs für die FAZ (Paywall). Die Schließung der Frankfurter Galerie Sakhile & Me melde ich bei Artmagazine.

Da der Kunstmarkt immer mehr ein Teils der Luxusgüterbranche werde, lohne sich ein Blick auf die Tendenzen dort, glaubt Elisa Carollo vom Observer im März: „Berichte aus der Luxusbranche bieten nun einen wichtigen Indikator dafür, in welche Richtung sich der Kunstmarkt entwickeln könnte, insbesondere da Kunst in aktuellen Umfragen als das Luxusgut mit der schlechtesten Performance eingestuft wird. Allein diese Erkenntnis deutet darauf hin, dass der Kunstmarkt noch einen bedeutenden Weg vor sich hat, um auf Verhaltensänderungen bei vermögenden Privatpersonen zu reagieren, auf die benachbarte Branchen bereits reagiert haben.“ Wer hätte je gedacht, dass Kunst bescheiden abschneiden könnte, wenn sie sich zu Handtaschen und Turnschuhen ins Regal stellt?!

Den neuen Art Basel and UBS Art Market Report 2026 (PDF) hat Ursula Scheer für die FAZ (Paywall) gelesen: „Davon ausgehend ergibt sich ein Bild mit Licht- und Schattenpartien. Der Anstieg des globalen Kunsthandelsumsatzes auf schätzungsweise 59,6 Milliarden Dollar gegenüber 2024 markiert zwar eine Trendwende nach zwei vorausgegangenen Jahren mit sinkenden Umsätzen, konzentriert sich aber auf die oberste Spitze des Marktes – und bleibt unterm Strich weiterhin deutlich unterhalb des Rekordwerts von 67,8 Milliarden Dollar 2022.“

Die Ergebnisse des A.I. In Galleries Report 2026 (PDF) fasst George Nelson für Artnews zusammen: „Einem neuen Bericht zufolge wird künstliche Intelligenz in kommerziellen Galerien bereits weit verbreitet eingesetzt, jedoch weitgehend ohne Aufsicht. Laut dem Bericht 'AI in Galleries' des Kunstbranchennetzwerks First Thursday geben 84 Prozent der befragten Galerien an, dass sie KI-Tools in ihrer täglichen Arbeit nutzen. Dennoch verfügen nur 8 Prozent über formelle Richtlinien, die regeln, wie diese Tools eingesetzt werden sollen. Die Ergebnisse basieren auf Interviews mit 103 Fachleuten aus der Galeriewelt weltweit, darunter Eigentümer, Direktoren und Mitarbeiter, die vorwiegend in Großbritannien, Europa und den USA tätig sind. Der Bericht zeichnet das Bild einer Branche, die neue Technologien stillschweigend einführt, es jedoch versäumt, eine gründliche Steuerung und Strategie zu implementieren.“

Mit dem Berliner Galeristen Johann König habe ich in seinem Podcast Was mit Kunst über den Kunstmarkt, die Berichterstattung darüber und meinen Werdegang gesprochen.

Knapp ein Jahr nach der Übernahme von Artnet und zuvor Artsy durch den Investor Andrew E. Wolff, meldet Daniel Cassady bei Artnews zuerst die Fusion beider Unternehmen, und zwei Tage später berichtet Alex Greenberger an selber Stelle von großflächigen Entlassungen vor allem bei der Redaktion von Artnet. Über die Zusammenführung der beiden Unternehmen und deren Zukunft habe ich mit Andrew Wolff für Monopol gesprochen.

Mit Foundation schließt ein weiterer NFT-Marktplatz, meldet Harrison Jacobs bei Artnews.

Manchmal hilft die kritische Außensicht, die aber nicht immer auf offene Ohren stößt. Kabhir Jhala schreibt im Mai über das Gallery Weekend Berlin im Art Newspaper: „Das Modell ist erfolgreich und wurde von London bis Warschau dutzende Male kopiert, ist jedoch nicht frei von Mängeln. Wer sich nur auf die GWB-Karte stützt, könnte sich fragen, ob Berlins kommerzielle Kunstszene nach 2015 aufgehört hat zu wachsen. Von den Galerien, die regelmäßig teilnehmen, wurden nur vier – Noah Klink, Sweetwater, Schiefe Zähne und Molitor – im letzten Jahrzehnt gegründet. Anders als bei einer Kunstmesse bewerben sich die Galerien nicht. Vielmehr werden sie von einem Auswahlkomitee zur Teilnahme eingeladen, und die Liste der Aussteller bleibt 'Jahr für Jahr mehr oder weniger gleich', sagt GWB-Direktorin Antonia Ruder.“

„Die Venedig Biennale, die renommierte internationale Kunstmesse, wird diese Woche eröffnet“. Mit solch einer selbstverständlichen Nonchalance wie bei Amy Kazmin in der Financial Times war das in der Presse wohl noch nie zu lesen. Unter der Hand galt die Biennale schon länger als größte Kunstmesse der Welt. So recht wollten sich aber auch Galeristen und Händler nie zum kommerziellen Charakter der Veranstaltung bekennen. Das habe sich geändert, glauben Gareth Harris und Anny Shaw im Art Newspaper (evtl. Paywall): „Nicht so in diesem Jahr: Eine noch nie dagewesene Zahl von Händlern, Auktionshäusern und privaten Stiftungen bietet Werke offen zum Verkauf an und verkauft sie an die Scharen von Sammlern, die diese Woche in die Stadt strömen.“

Die insolvente Londoner Stephen Friedman hinterlässt einen Schuldenberg von 7,8 Millionen Pfund, hat Anny Shaw für das Art Newspaper recherchiert.

Ihre Schließung gibt die Galerie Aire de Paris bei Instagram bekannt. Devorah Lauter hat für Cultured mit den Galeristen über die Insolvenz und die Veränderungen im Kunstmarkt gesprochen.

Der New Yorker Galerist Marc Staus sieht die Kluft zwischen der Marktspitze und allem anderen bei Hyperallergic als Alarmzeichen: „Das System ist nicht gesund, und seit Pollock wird uns weisgemacht, dass in unserem wichtigen Kunstuniversum alles bestens läuft – vielleicht sogar großartig. Das ist es aber nicht. Und diese Ergebnisse ärgern so viele. Als wäre der Kunstmarkt ein Spielplatz für die Superreichen. Das stimmt und stimmt nicht. Auf dem Kunstmarkt gibt es Zehntausende von Künstlern, von denen die meisten ums Überleben kämpfen, die Dinge schaffen, um die wir nicht gebeten haben, und die unser Leben bereichern. Wir brauchen sie, und wir brauchen die Galerien.“

Die Erzählung von der ewig expandierenden Spitze des Kunstmarkts bekommt Risse, berichtet Robin Pogrebin in der New York Times (Paywall): „Als vielleicht deutlichstes Zeichen bisher für einen tiefgreifenden Wandel auf dem Kunstmarkt plant die Pace Gallery, am Donnerstag bekannt zu geben, dass sie ihr Künstlerportfolio um 50 Künstler und ihren Personalbestand um 50 Mitarbeiter reduziert – ein Zeichen dafür, dass selbst eine renommierte, etablierte Galerie in diesem schwierigen wirtschaftlichen Klima Personal abbauen muss.“Möglicherweise nicht ganz unabhängig von diesem Vorgang ist laut Daniel Cassady von Artnews der gescheiterte Versuch von Sotheby's, einen Jackson Pollock aus dem Besitz von Arne Glimcher für 50 Millionen Dollar in einer Privatauktion zu verkaufen.

Von den schwierigen Bedingungen für den Kunstmarkt in Österreich berichtet Werner Remm bei Artmagazine: „Katrin Auer, Kultursprecherin der SPÖ, die sich bereits im Jahr 2025 für steuerliche Maßnahmen zugunsten des Kunsthandels eingesetzt hatte, musste allerdings eingestehen, dass die Chancen für eine Umsetzung in den letzten Wochen auf Null gesunken seien. Sowohl Kulturminister und Vizekanzler Andreas Babler und Finanzminister Markus Marterbauer, beide Parteikollegen von Auer, sehen derzeit keine Möglichkeit, den Kunsthandel, Galerien und Künstler:innen zu unterstützen. 'Die Tür ist zu', so Auer“.

Die Galerie dependance in Brüssel schließt. Auf ihrer Webseite verabschiedet sie sich im Juni.

Einen „Haltet den Dieb!“-Essay hat Marc Spiegler in der New York Times (Paywall) untergebracht, in dem er konstatiert, viele Galerien hätten auf Expansion und eine immer größere Reichweite gesetzt: „In den letzten zwei Jahrzehnten wurde zeitgenössische Kunst Teil der Popkultur, und in Städten auf der ganzen Welt wurden schillernde Museen eröffnet, die Touristen anlocken, die dort Selfies machen. Kunstmessen schossen wie Pilze aus dem Boden und wurden manchmal, wie im Fall der Art Basel Miami Beach, selbst zu kulturellen Großereignissen, die Prominente und viel Medienaufmerksamkeit anzogen. Das Problem ist, dass das Kunstgeschäft selbst mit dem Hype nicht Schritt halten konnte. Mehr Museen und Biennalen bedeuten mehr Ausstellungen, die Galerien unterstützen müssen. Die Teilnahme an Messen ist mit Kosten verbunden, die sich nicht immer auszahlen. Es gibt einfach nicht genug Sammler, vor allem keine neuen Sammler, damit die Rechnung dieser überdimensionierten Kunstwelt aufgeht.“ Wer war in just diesem Zeitraum doch gleich Chef der Art Basel, der bei jeder Gelegenheit erzählte, die Art Baseln brächten überall die beste Kunst der besten Künstler von den besten Galerien an die besten Sammler und die besten Institutionen? Dass ausgerechnet jemand das System beklagt, das er selbst an entscheidender Stelle mitgestaltet hat, verwundert etwas.

Die Hälfte der Frauen in der mittleren Ebene des Kunstbetriebs planten, die Branche innerhalb der nächsten fünf Jahre zu verlassen, fasst Margaret Carrigan die Ergebnisse den Report „Hardwiring Change: Buying Back Time“ von Artnet und der Association of Women in the Arts (AWITA) bei Artnet zusammen.