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Kobels Kunstwoche

Der Kunstmessen-Nahkampf rückt näher; Foto Stefan Kobel
Der Kunstmessen-Nahkampf rückt näher; Foto Stefan Kobel

Kobels Kunstwoche 32 2021

Die Art Basel findet statt. Als wäre nichts gewesen, hat die gebeutelte Leitmesse des internationalen Kunstmarkts die frohe Kunde in der zweiten Julihälfte in Form ihrer Ausstellerliste verkündet. Rose-Maria Gropp warnt jedoch in der FAZ: „Jedenfalls wird die legendäre Atmosphäre auf der Messe selbst wie in der Stadt diesmal anders sein. Immer zog die Art Basel Besucher, vor allem kaufkräftige Klientel, aus aller Welt an, die sie regelrecht gestürmt haben, als seit Jahrzehnten begehrtes Ereignis im globalen Messekalender. Gewiss werden es weniger sein, die aus den Vereinigten Staaten anreisen, selbst wenn das (zumindest zu den aktuellen Bedingungen) möglich ist. Für Südamerika oder Russland gelten (derzeit noch) stärkere Einschränkungen.“

Auch die Viennacontemporary wird es in diesem Jahr geben, wegen der Art Basel allerdings schon Anfang September und in veränderter Form, wie Michael Huber im Wiener Kurier berichtet: „Als neuer künstlerischer Leiter wurde der in Wien und Bratislava lebende Kurator und Künstler Boris Ondreička berufen, die Trägergesellschaft wurde zum Non-Profit-Unternehmen umgewandelt - mit einem mehrköpfigen Vorstand, in dem neben dem russischen Investor Dmitry Aksenov auch Marta Dziewańska, Kuratorin am Kunstmuseum Bern, der Leiter des "Erste Hub", Boris Marte, sowie der Marketingberater Tom Wallmann sitzen. In dieser Form will die VC offenbar das Beste aus allen Welten vereinen: Mit der Hauptausstellung in der im Umbau befindlichen Alten Post in Wien (2. - 5. 9.) adaptiert die Gesellschaft die Idee, bestehende Gebäude als Kunst-Orte zwischenzunutzen.“

Die Großen Drei der Auktionshäuser haben einem Bericht Angelica Villas bei Artnews zufolge im letzten Halbjahr massiv zugelegt: „Trotz eines abrupten Lockdowns, der die Branche zwang, sich über Nacht anzupassen, deuten die Daten aus dem zweiten Quartal dieses Jahres darauf hin, dass der Auktionsmarkt wieder mit Volldampf voraus fährt. Dem Bericht [des Branchendiesntes Pi-eX] zufolge verzeichneten die drei größten öffentlichen Auktionshäuser - Christie's, Sotheby's und Phillips - im zweiten Quartal 2021 zwischen April und Juni einen Umsatzanstieg von 405 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Während die Häuser im zweiten Quartal 2020 900 Millionen Dollar einnahmen, waren es im zweiten Quartal dieses Jahres 4,6 Milliarden Dollar, was die Zahlen des gleichen Zeitraums 2019 leicht übertrifft. Im zweiten Quartal 2020 erlebten diese Häuser den schlimmsten Einbruch im Jahresvergleich seit der Finanzkrise 2008.“

Vor allem Asien habe für einen rasanten Umsatzschub bei Christie's gesorgt, lautet die Analyse der Halbjahreszahlen des Unternehmens von Marion Maneker für Artnews: „Die Gesamtverkäufe von Christie's in Höhe von 3,5 Mrd. USD liegen um 13 % über dem ersten Halbjahr 2019 vor der Pandemie und sind das beste Ergebnis seit dem Spitzenjahr 2015 auf dem Kunstmarkt. Nach der Pandemie ist der Auktionsmarkt auf dem Weg zum Höhepunkt. Ein Großteil des Zuwachses ist auf die Rekordbeteiligung von Kunden aus Asien zurückzuführen, die 39 % der Live- und Online-Auktionen mit einem Umsatz von 1,04 Mrd. USD erwarben.“

Die deutschen Auktionshäuser haben im ersten Halbjahr ebenfalls deutlich zugelegt, analysiert Christian Herchenröder im Handelsblatt : „Dass auch die deutschen Auktionen deutlich von einer Wiederbelebung der Märkte profitierten, zeigen ihre Umsatzzahlen. Ketterer ist im ersten Halbjahr 2021 mit 44 Millionen Euro zum deutschen Marktführer geworden (30 Millionen war der Gesamterlös im ersten Halbjahr 2019 vor der Pandemie). Der Umsatz von Lempertz stieg in derselben Zeitspanne von 27,2 Millionen auf 31 Millionen Euro, der bei Van Ham von 19 Millionen auf 24 Millionen. Bei Grisebach wurden in diesem Frühjahr 24,3 Millionen umgesetzt, gegenüber 15,5 Millionen im gesunden Halbjahr 2019. Noch nie gab es in einer Saison so viele Millionen-Zuschläge: 16 an der Zahl bis hin zu den 14 Millionen Euro, die bei Nagel die buddhistische Götterstatue Vajrabhairava von 1473 erlöste.“

Mit Umsatzzahlen ist das Wiener Dorotheum traditionell geizig, daher lässt Nina Schedlmayer im Handelsblatt den kleineren Wettbewerber zu Wort kommen: „Offener ist in dieser Hinsicht das ebenfalls in der Wiener Innenstadt angesiedelte Auktionshaus im Kinsky: Auf Nachfrage teilt es mit, dass es im ersten Halbjahr mit den Privatverkäufen rund 14 Millionen Euro umsetzte, allein zehn Millionen Euro in den Sommerauktionen im Juli. Im Vergleich zum letzten Jahr konnte im Kinsky eine Steigerung von zehn Prozent verbuchen. Geschäftsführer Michael Kovacek resümiert: 'Die Klassische Moderne, die zeitgenössische Kunst und das 19. Jahrhundert liefen phänomenal, die Antiquitäten und Alten Meister nicht so grandios.'“

Derweil boomt der NFT-Markt weiterhin, wie Shanti Escalante-De Mattei bei Artnews feststellt: „DappRadar, das die Blockchain-Verkäufe verfolgt, stellte fest, dass im zweiten Quartal 2021 NFTs 2,4 Milliarden Dollar einbrachten, etwas mehr als die 2,3 Milliarden Dollar des ersten Quartals. Diese Zahlen berücksichtigen noch nicht einmal Off-Chain-Verkäufe, also Transfers, die über Auktionshäuser stattfinden, wie zum Beispiel der Beeple-Verkauf. Derselbe Bericht stellte fest, dass die Verkäufe im Vergleich zum ersten Quartal um 111,46 % in die Höhe geschnellt sind, wobei die Anzahl der aktiven Wallets im selben Zeitraum um 151,89 % gestiegen ist.“ Die Jubelmeldung übersieht allerdings geflissentlich, dass NFT-Markt und Kunstmarkt zwar eine gewisse Schnittmenge bilden, aber beim besten Willen nicht deckungsgleich sind.

Einer grundsätzlichen Betrachtung unterzieht Ursula Scheer das Phänomen NFT in der FAZ vom 6. August, inklusive eines angehängten Grundwortschatzes: „Eine Aura im Benjamin’schen Sinne, deren Leuchten noch einen Abglanz der kultischen Ursprünge der Kunst erahnen lässt, hat ein NFT gewiss nicht. Beeples Bildchen, um beim Eingangsbeispiel zu bleiben, wurden als tagesaktuelle Kommentare über Jahre hinweg frei verfügbar auf Tumblr und Instagram gepostet; sie stehen im Traditionszusammenhang der sozialen Medien. Das NFT der retrospektiv zusammengestellten Collage dieser Cartoons verlässt den Kontext. Es ist eine Besitzurkunde, an der sich die Spekulationswut einer kryptoaffinen Klientel abseits des traditionellen Kunstbetriebs entzündet. Nicht um Aura geht es, sondern die Handhabbarkeit digitaler Güter als Sammler- und Handelsware, ermöglicht durch die technische Verschmelzung von Kunst- und Finanzwelt. Unromantischer geht es nicht.“

Über eine ganze Seite der FAS vom 8. August darf sich Sebastian Fahey, Geschäftsführer von Sotheby's für Europas, Afrika und Nahen Osten über die wunderbare Beziehung seines Unternehmens zu NFTs auslassen, ohne sich kritischen Fragen stellen zu müssen. Herausgekommen sind dabei so schöne Sätze wie diese: „Jedenfalls bedeutet die Programmierbarkeit von NFTs, dass die Kunstwelt anfangen wird, Kunst zu erleben, die nur wegen ihrer Ästhetik, Seltenheit und Herkunft geschätzt wird. Sondern unter anderem auch wegen ihrer Gemeinschaftsfunktion, ihrer mit Hilfe der Blockchain nachvollziehbaren Geschichte und ihrer Interaktion mit anderen Kunstwerken.“

Für eine Renaissance der Kennerschaft plädiert Scott Reyburn im Art Newspaper: „Filip Vermeylen, Professor für globale Kunstmärkte in Rotterdam, ist der Meinung, dass Kennerschaft ein modernes Comeback feiern sollte. […] Vermeylen zufolge 'müssen wir die Kennerschaft ins 21. Jahrhundert bringen', da Algorithmen, Spekulanten und der Markt zunehmend den Wert von Kunst bestimmen. 'Sie muss viel umfassender sein und neue Technologien nutzen, um sie weniger subjektiv zu machen. Das Problem ist jedoch, [...] dass unser relativistisches, poststrukturalistisches Kunstausbildungssystem heute viel mehr mit Fragen von Identität, Race und Gender beschäftigt ist als mit der Frage, was ein Kunstwerk historisch bedeutender macht als ein anderes.“

Welche Bedeutung der Kunsthandel über das rein Merkantile hinaus haben kann, zeigt Brita Sachs im Rahmen ihres Rundgangs über die Bamberger Antiquitätenwochen für die FAZ: „Jetzt, acht Jahre später, zeigt der Bau, der laut Inschrift 1307 errichtet wurde, wieder sein schönes Gesicht von einst, nachdem das Restauratoren- und Kunsthändlerpaar die Räume mit ihren schweren, sich biegenden Balkendecken und dicken Wänden aus den zahllosen späteren Schichten geschält hat. […] Ein weiteres Mal haben hier also Kunsthändler vorgemacht, wie denkmalgerechter Umgang mit Bauten der einzigartigen Bamberger Altstadt geht, die der Krieg zwar ungeschoren ließ, aber wo manches Hausinnere über die Zeiten hin entstellende Veränderungen erfuhr. Christian Eduard Franke-Landwers restaurierte bereits zwei stattliche Ensembles im Kern der UNESCO-geschützten Stadt, ein barockes sowie ein gotisches, in dem er und Christoph von Seckendorff ihren Kunsthandel konzentrieren.“ Zu den Salzburger Festspielen hat sich die Autorin, ebenfalls für die FAZ, in den dortigen Galerien umgesehen.

Eine Verfassungsbeschwerde gegen das Kulturgutschutzgesetz sei vom Bundesverfassungsgericht abgewiesen worden, da die klagenden Händler und Auktionshäuser sich zunächst an Fachgerichte hätten wenden müssen, meldet die Legal Tribune Online. Für Christiane Fricke vom Handelsblatt bleiben trotzdem Fragen offen: „Die Abfuhr durch das höchste deutsche Gericht bedeutet nicht, dass die Kunsthändler das Bundesverfassungsgericht nicht anrufen könnten, wenn sie denn die Instanzen durchlaufen haben. Nur fragt sich, warum das höchste deutsche Gericht für seine aktuelle Entscheidung über drei Jahre brauchte. Auch hat sich das BVerfG zur Rechtmäßigkeit des KGSG nicht geäußert. Es bleibt also durchaus möglich, dass das KGSG gesetzwidrig ist.“

Nach der Art Basel habe mit Rebecca Ann Siegel jetzt auch die Frieze ihre amerikanische Führung verloren, meldet Maximilíano Durón bei Artnews.

Die 76jährige Galeristin Marian Goodman habe eine Nachfolgeregelung getroffen, nach der leitende Mitarbeiter zukünftig die Führung übernehmen sollen, meldet Alex Greenberger bei Artnews.