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Kobels Kunstwoche

Ein Fest fürs Auge: curated by in Wien; Foto Stefan Kobel
Ein Fest fürs Auge: curated by in Wien; Foto Stefan Kobel

Kobels Kunstwoche 37 2021

Eine pralle Kunstwoche hat die Branche hinter sich gebracht, hin und hergerissen zwischen eigenem Nachholbedarf und der immer noch übermächtigen Art Basel, die sich in den ohnehin dichten September gedrängelt hat. Michaela Nolte erklärt die ungewohnte Terminwahl der Berliner Positions im Tagesspiegel: „Die Positions Art Fair ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Berlin Art Week eine Woche zuvor als „Ouvertüre“? Das lässt stutzen. Doch wenn die weltweit größte und mächtige Art Basel einen Flügelschlag macht, löst das auch in Berlin, wennschon kein Chaos, so doch Bewegung aus. Ein zu nahes Timing mit der pandemiebedingt in den Herbst verschobenen Art Basel hätte Ausstellende wie Sammler:innen in Konflikte gebracht.“

Eine Drei Plus stellt Christiane Herchenröder der Berliner Positions im Handelsblatt aus: „Herausragende Kunst ist in diesem Aufmarsch von 110 Ausstellern (45 davon aus Berlin) allerdings nicht so breit wie gewünscht vertreten. Wer die Hangars 5 und 6 des Flughafens Tempelhof durchschreitet, sieht einmal mehr sehr viel buntes Mittelmaß und Arbeiten, die das Label Hobbykunst verdienten. Aber alle sind froh, dass eine solche Schau überhaupt wieder stattfinden kann, und so sollte man sie auch nicht allzu kritisch durchleuchten. Es gibt so viele Galerien, die sonst kein solch breites, offenes Forum finden. Und es lohnt sich schon wegen der rund zwanzig guten Kojen, die sich hier präsentieren, den Besuch zu wagen.“

In Paris hat sich die Art Paris gemausert, wie Bettina Wohlfahrt in der FAZ zu berichten weiß: „Im Gegensatz zur internationalen hochpreisigen Fiac, die zur Weltspitze unter den Kunstmessen gehört, setzt Art Paris auf eine regionale Ausrichtung im mittleren Preissegment. In Zeiten der Pandemie ist das ein Vorteil. […] Der Schwerpunkt liegt auf der französischen Kunstszene mit einer Öffnung hin zu Galerien und Sammlern der Nachbarländer. In jedem Jahr steht eine Region der Welt im Fokus, etwa Afrika, Südostasien oder die Iberische Halbinsel. Für die großen internationalen Händler, aber auch für die französischen „cutting edge“-Galerien war Art Paris bislang keine Option. Doch der Ausfall zahlreicher Messen zog im vorigen Jahr den mächtigen Galeristen Emmanuel Perrotin dorthin.

Kritischer ist Olga Grimm-Weissert mit der Messe in ihrem Paris-Rundgang über alle Veranstaltungen für das Handelsblatt: „Die Art Paris versammelt 140 Aussteller, darunter erstmals internationale Namen wie Almine Rech, Thaddaeus Ropac, Massimo de Carlo oder die Galleria Continua. Das Niveau der Veranstaltung entspricht den Erwartungen nicht. Zu viele Galeristen wollen ihr – in alle Richtungen ausuferndes – Programm vorstellen. Viele überladene Stände verhindern, dass sich Kunst einprägt.“

So voll ist der Messekalender schon, dass sich keine maßgebliche deutschsprachige Publikation für die Armory Show interessiert, daher hier Eileen Kinsellas rosarote Einschätzung für Artnet: „Die VIP-Eröffnung der Armory Show war am Donnerstag an ihrem neuen Veranstaltungsort im Javits Center auf der West Side von Manhattan von einem Gefühl neuer Energie erfüllt. [...] Trotz der Tatsache, dass mehr als 50 überwiegend europäische Galerien beschlossen, ihre Teilnahme auf eine virtuelle Ausstellung zu beschränken und ihre Präsenz auf das nächste Jahr zu verschieben, kamen mehr als 40 internationale Galerien, darunter solche aus Großbritannien, Iran, Mexiko, Deutschland und Italien.“

Etwas differenzierter ist Will Heinrich in seinem Bericht für die New York Times: „"Als die Armory Show in den Herbst verlegt wurde, folgten ihr Satellitenmessen wie Spring/Break, Art on Paper, Clio und die stylische kleine Independent im September. Die brandneue Future Fair, die 2020 ins Leben gerufen wurde, findet nun endlich auch live statt. Im Großen und Ganzen sind dies die New Yorker Kunstmessen, wie man sie kennt und liebt oder hasst, und es ist einfach noch nicht klar, ob die Besucherzahlen und Umsätze ihr Modell überlebensfähig machen werden. Für die meisten Menschen steht das Geschäft mit der Kunst im Moment natürlich im Hintergrund. Auf die Frage, was bei der ersten Live-Messe der Galerie seit Covid als Erfolg gewertet wird, antwortete Lisa Spellman, die Gründerin der 303 Gallery: 'Einfach die Leute zu sehen!'“

Der reinen Online-Ausgabe der Tefaf New York erbarmt sich Eva Komarek für die Presse (Paywall) aus Wien: „Nach dem Coronadebakel im Vorjahr wollte die Tefaf, die wichtigste Kunst- und Antiquitätenmesse, wohl auf Nummer sicher gehen. Immerhin musste die Frühjahrsausgabe 2020 in Maastricht wegen eines Coronaclusters vorzeitig schließen. So entschieden die Organisatoren, heuer lieber nochmals auf ein reines Onlineformat (bis 13. September) zu setzen, obwohl viele andere Messen den Herbst wieder für die ersten Präsenzveranstaltungen nützen. Vergangenen November gab es die erste Tefaf Online, und sie war ein Erfolg. Für die aktuelle Ausgabe hat man das Onlineprogramm etwas überarbeitet. So dürfen die Teilnehmer jetzt drei Werke ausstellen, während es im Vorjahr nur ein Objekt war.“

Dass über den Kirchturm hinaus blickende Modell der Münchener Galerien stellt Sabine Spindler im Handelsblatt vor: „Befreundete Galerien aus dem In- und Ausland einzuladen und aufstrebende Künstler und Künstlerinnen sowie Tendenzen aus der Perspektive eines Kollegen vorzustellen, ist die Idee hinter diesem Kooperationsprogramm.“ In der FAZ vom 11. September führt Brita Sacha aus: „Die wichtige Rolle von Netzwerken im Kunstbetrieb betont das Motto „Be my guest“, auch diesmal luden Galeristen Kollegen aus aller Welt ein: Nir Altman führt mit Crèvecœur aus Paris und der Wiener Galeristin Sophie Tappeiner vier Künstlerinnen zu einer multimedialen Schau in seinen neuen Räumen zusammen. Bei Klüser 2 gastiert Kuckei + Kuckei aus Berlin mit Lilly Lulays versponnenen Ausflügen in die Auswirkungen digitaler Sphären auf unser Leben. Bei Knust Kunz zog Norma Mangione aus Turin mit analoger 'Italianità' ein.“

Das Wiener Galerie-Festival curated by stelle ich im Artmagazine vor.

Die Ergebnisse des Kunstmarkt-Reports von Art Basel und UBS fasst Wenrer Remm bei Artmagazine zusammen: „Dass die Pandemie teils große Löcher in die Verkaufsstatistiken gerissen hat wusste man bereits, überraschend ist jedoch die rasante Erholung des Marktes, die vor allem von der Gruppe der Millenials, also den zwischen den frühen 1980ern und späten 1990ern Geborenen getragen wird. Ihre durchschnittlichen Ausgaben für Kunst im ersten Halbjahr betrugen rund 378.000 Dollar wobei Kunstkäuferinnen nochmals wesentlich mehr gegenüber den Männern für Kunstwerke ausgaben – immer bezogen auf die reichste Käufer:innenschicht. Der Reichtum kommt allerdings nicht überall gleich an. 45% der Galerien meldeten Rückgänge, sogar gegenüber dem ohnehin schwächeren 1. Halbjahr 2020. Das trifft vor allem den Handel in Europa, dem ein deutlicher Anstieg in Asien gegenübersteht. Den höchsten Rückgang hatten übrigens Galerien in Großbritannien zu verzeichnen, wo der Brexit jetzt richtig spürbar wird.“

Sotheby's' Griff nach dem deutschen Mittelmarkt manifestiert sich in er Online-Auktion Ende der Woche, deren schmalen Katalog Rose-Maria Gropp für die FAZ durchgearbeitet hat: „Die Eröffnungsauktion mit moderner und zeitgenössischer Kunst ist vom 10. bis zum 17. September angesetzt. Eine Auswahl der angebotenen Werke ist noch bis zum 16. September im Palais Oppenheim zu besichtigen. Das Spitzenlos ist eine der Ansichten des 'Nutzgartens in Wannsee nach Westen' von Max Liebermann aus dem Jahr 1920 (Taxe 300.000/400.000 Euro).“

Einem der drei großen Ds – Death, Divorce, Debt – verdankt Sotheby's eines der Highlights der Versteigerungssaison, berichtet Susanne Schreiber im Handelsblatt: „Das Versteigerungshaus verkündete am Donnerstagnachmittag, dass die auf 600 bis 700 Millionen Dollar angesetzte Sammlung Macklowe mit 65 Werken moderner und zeitgenössischer Kunst in zwei Tranchen versteigert werden soll. Am 15. November und am 22. Mai 2022 in New York. Die gerichtliche Auseinandersetzung des Paares dauert schon eine Weile an. Die Versteigerung war bereits angekündigt, musste aber mehrfach wegen der Covid-Pandemie verschoben werden. Zu den Trophäen der ersten Tranche der Macklowe-Sammlung zählen 'Nine Marilyns' von Andy Warhol, geschätzt auf 40 bis 60 Millionen Dollar.“

Konkrete Künstlerinnen und ihre Galeristinnen sind Gegenstand einer Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart, die sich Sabine Spindler für das Handelsblatt angesehen hat: „Für Kuratorin Eva-Maria Froitzheim standen am Anfang hauptsächlich die mehr oder weniger vergessenen Künstlerinnen im Vordergrund. Etwa Verena Loewensberg, die bis in die 1970er-Jahre fest zum Kreis der Zürcher Konkreten um Max Bill gehörte, oder die Brasilianische Bildhauerin Mary Vieira und ihre dynamischen Skulpturen. Doch je mehr sich Loewensberg mit dem Lebensweg von Sonia Delaunay, der Grand Dame der Konkreten, oder mit den minimalistisch-konstruktivistischen Papierarbeiten der 1915 geborenen Französin Marcelle Cahn beschäftigte, formierte sich eine zweite Erkenntnis. Es gab ein enges Netz zwischen diesen Malerinnen und Bildhauerinnen und vielen Galeristinnen, die konkrete Künstlerinnen gefördert haben. Bis heute sind ihre Verdienste kaum dokumentiert.“ Im Markt scheint aber noch deutlich Luft nach oben zu sein. So sind Arbeiten der immerhin schon 1961 von Denise René ins Galerieprogramm aufgenommenen Geneviève Claisse fast schon lachhaft billig: „Im Juni kostete so eine psychedelische Leinwand aus den 1970er-Jahren bei Lempertz 8500 Euro.“

Die neue Preisfindungs-App Limna habe ich für das Handelsblatt ausprobiert.