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Kobels Kunstwoche

Paris + par Art Basel 2023; Foto privat
Paris + par Art Basel 2023; Foto privat
Stefan Kobel

Stefan Kobel

Kobels Kunstwoche 43 2023

In Paris funktioniere das Kunstmarkt Casino-Spiel mit Wartelisten und Zuteilung knapper Ware noch oder wieder, behauptet James Tarny bei Bloomberg: "Mehrere Galerien hatten so viele Werke verkauft, dass sie bereits am Nachmittag Verkaufsberichte verschickten, und in den folgenden Tagen erzählten mir Sammler - Giganten in ihren eigenen Bereichen wie Finanzen, Immobilien oder Private Equity - klagend (und leider inoffiziell), dass sie 'keinen Zugang' zu Kunstwerken im Wert von 500.000 Dollar erhielten. Andere sprachen triumphierend davon, dass sie kleine Gemälde für 300.000 Dollar pro Stück 'ergattern' konnten."

Den hohen Sammlerzuspruch versucht Marcus Woeller in der WeLT zu erklären: "Die Art Basel ist in diesem Sinn gewiss auch ein soziales Phänomen, aber in erster Linie eben doch ein internationales Millionengeschäft mit eigenen Regeln. Und in Paris bekam man den Eindruck, dass diese Welt noch in Ordnung ist. Sammler aus Frankreich und Europa, aber auch aus Übersee sind in großer Zahl nach Paris gereist. Besonders Kunden aus den Vereinigten Staaten von Amerika und aus Asien, die den Handel mit zeitgenössischer Kunst zum hochtourigen Geschäft machen, sind gekommen. Das bestätigen fast etwas verwundert Galeristen wie Messemacher."

Die Umkehrung der Machtverhältnisse zwischen London und Paris hat Alexandra Wach für den Tagesspiegel beobachtet: "Der Start an dem für VIPs reservierten ersten Tag war jedenfalls fulminant. Nicht alle der 154 Galerien, darunter 60 in Frankreich ansässige, konnten sich über große Deals freuen. Es gab jedoch so viele davon, dass sich eine Machtverschiebung zwischen Paris und London konstatieren lässt; zumal an vielen Ständen zu hören war, es seien mehr US-amerikanische Sammlerinnen und Sammler an die Seine gekommen als vergangene Woche zur Kunstmesse Frieze an die Themse."

Abweichende Beobachtungen hat hingegen Susanne Schreiber für das Handelsblatt gemacht: "Mittags am ersten VIP-Tag bildeten sich am Einlass nur kleine Warteschlangen. Kein Vergleich zu dem gewaltigen Ansturm hochgestimmter Sammlerinnen und Sammler vor einem Jahr. Eine wichtige französische Galeristin bestätigte das Fernbleiben etlicher US-Sammler. Und so sah man ein paar Galeristen starr mit ihrer Mannschaft um den Sofatisch sitzen und mit dem Handy spielen. Was bietet diese Messe, die den Exzellenzanspruch der Art Basel mit französischem Esprit verknüpfen möchte? Sie ist erfreulicherweise französischer als 2022."

Besser, als Bettina Wohlfarth es in ihrem Messebericht aus Paris für die FAZ beschreibt, lässt sich die überzeitliche Ausrichtung des oberen Kunstmarktsegments kaum charakterisieren: "Die Mitarbeiterin einer internationalen Galerie bringt es auf den Punkt: Kunden, so vermutet sie, die auf eine Art-Basel-Messe kommen, hätten nicht das Bedürfnis, mit den Nöten der unmittelbaren Gegenwart konfrontiert zu werden. Engagierte Positionen, die seismographisch auf Zeitgeschehen wie den Krieg in der Ukraine reagieren, lassen sich tatsächlich nicht auf der Kunstmesse Paris+ par Art Basel finden. Der lange organisatorische Vorlauf der Galerien sorgt dafür, dass der jüngste Konflikt im Nahen Osten erst recht nicht vorkommt."

Völlig ohne Auswirkungen scheint der Israel-Palästina-Konflikt jedoch nicht zu sein, stellen Kabir Jhala und Gareth Harris im Art Newspaper fest: "Eine Reihe von Händlern, die von The Art Newspaper angesprochen wurden, lehnten es ab, sich zu diesem Thema zu äußern. Einige sind jedoch bereit, die Situation anzusprechen. 'Ich bin sehr besorgt über die Ereignisse im Nahen Osten. Wir sind uns nicht bewusst, dass wir einen Teil unserer Zivilisation verlieren', sagte Franck Prazan, der Direktor der Pariser Galerie Applicat-Prazan. [...] Die Tragödie, die sich in der Region abspielt, wird wahrscheinlich die Verkäufe dämpfen, denn einige Sammler haben bereits ihre Tickets nach Frankreich storniert."

Der globale Süden sei allerdings immer noch unterrepräsentiert, gibt Paris Plus-Direktor Clément Delépine gegenüber Angelica Villa von Artnews zu: "'Wir sind uns bewusst, dass die afrikanischen Galerien in der Ausstellerliste unterrepräsentiert sind', sagte Delépine und fügte hinzu, dass die Messe immer noch damit beschäftigt ist, den inhärent ausgrenzenden Charakter des Auswahlprozesses zu verstehen. [Die tunesische Galeristin Selma] Feriani erklärte gegenüber ARTnews, dass die geringe Anzahl von Galerien mit Sitz auf dem afrikanischen Kontinent auf der Paris+ auf mehrere Faktoren zurückzuführen ist: Die zeitgenössische Kunst steckt in vielen afrikanischen Ländern noch in den Kinderschuhen; Galerien in Afrika sind eher kommerziell orientiert und arbeiten auf Kommissionsbasis und sind weniger darauf bedacht, Beziehungen zu Institutionen aufzubauen; und schließlich ist die Art Basel ein sehr selektiver Markt." Nicht ganz vernachlässigen dürfte auch der Umstand sein, dass afrikanische Künstler ihre Marktkarrieren häufig bei westlichen Galerien machen, die sie dann auch auf internationalen Messen zeigen.

Die beiden Satellitenmessen Paris Internationale und Offscreen hat Olga Grimm-Weissert für das Handelsblatt besucht: "Der wachsende Erfolg der Paris Internationale, die in diesem Jahr mit 65 Galerien aus 25 Ländern aufwartet, verdankt sich ihrem „Non Profit“-Konzept. Weil das Organisationsteam auf kommerzielle Einkünfte verzichtet, kann es völlig frei entscheiden. [...] Da das riesige Gebäude es in diesem Jahr jedoch ermöglicht, die Anzahl der Galeristen zu erhöhen, nimmt etwa auch der etablierte Berliner Galerist Mehdi Chouakri teil. Er hat Skulpturen der verstorbenen Charlotte Posenenske und Arbeiten der international bekannten Sylvie Fleury im Angebot. Dieses organisatorische Novum beurteilt der Kunstberater und Sammler Christoph Langlitz durchaus positiv. Er freut sich über die 'Mischung von Werken sehr junger Künstler und längst anerkannter wie Dinos Chapman oder Katherine Bradford'; und betont, er habe viele Arbeiten von jungen Künstlern entdeckt, die er weiter verfolgen und anschließend seinen Kunden beratend empfehlen wird."

Der digitale Marktplatz Basic.Space habe derweil die Messe Design Miami/ übernommen, ist einer Pressemitteilung zu entnehmen: "Die Design Miami/ wird weiterhin unabhängig geführt, wobei Jennifer Roberts als CEO weiterhin alle Messen beaufsichtigen wird. Jesse Lee, der CEO und Gründer von Basic.Space, wird nun als Vorstandsvorsitzender der Design Miami/ fungieren. Bei der Übernahme handelt es sich um eine reine Aktientransaktion, die signalisiert, dass sich alle Beteiligten über die langfristige Vision und die potenziellen Auswirkungen des Geschäfts einig sind." Die vom Immobilienentwickler Craig Robbins aus Miami gegründete Veranstaltung mit Ausgaben in Miami, Basel und neuerdings Paris wird auf der Webseite der Art Basel-Mutter MCH weiterhin als Konzernmarke geführt. Mehr dazu vielleicht nächste Woche, wenn die Schweizer Gelegenheit hatten, auf meine Anfrage vom Wochenende zu antworten.

Die Messe 1-54 für afrikanische Kunst mit Ausgaben in London, New York und Marrakesch will nach Asien. Im Art Newspaper erläutert Chinma Johnson-Nwosu die Pläne: "Die Organisatoren der 1-54 haben nach eigenen Angaben "in letzter Zeit ein steigendes Interesse von Galerien aus Asien an der Messe und eine wachsende Zahl von Sammlern aus dieser Region, die die Messe besuchen" festgestellt. Wenn alles gut läuft, hofft 1-54, im Jahr 2025 eine vollwertige Messe in Hongkong zu veranstalten - höchstwahrscheinlich im neuen Hauptsitz von Christie's im zentralen Geschäftsviertel der Stadt, sagte Messegründer Touria El Glaoui der South China Morning Post. Die 2013 ins Leben gerufene 1-54 ist die einzige internationale Kunstmesse, die sich den Werken afrikanischer und diasporischer Künstler widmet." Letztere Aussage ist allerdings nicht ganz korrekt: In Paris existiert bereits seit 2016 Also Known As Africa (AKAA) parallel zur Fiac/Paris +.

Die Münchener Kunstmesse Highlights sei auf einen guten Weg Richtung Gegenwart, beobachtet Susanne Schreiber im Handelsblatt: "Doch der Sammlergeschmack wendet sich im nicht umkehrbaren Strom dem 20. und 21. Jahrhundert zu. Das sahen auch die Organisatoren der Messe, die seit 2013 in der Residenz stattfindet. Sie luden einen wachsenden Anteil Aussteller moderner oder zeitgenössischer Kunst ein, als Ergänzung und zur Abrundung des einzigartigen Epochenüberblicks von der Gotik bis heute. Doch nicht alle Händler für zeitgenössische Kunst vermochten mit dem Niveau der Marktführer von Alter Kunst mitzuhalten. Dieses öfter kritisierte Ungleichgewicht ist diesmal besser ausbalanciert. Ein großer Zugewinn an Expertise ist die Teilnahme von Emanuel von Baeyer aus London und der Gebrüder Lehmann aus Dresden." In der FAZ vom 21. Oktober fasst Brita Sachs zusammen: "Bei der internationalen Kunstmesse Highlights in München stehen alle Zeichen auf Grün: Mit nunmehr 57 Ausstellern ist sie weiter gewachsen und verstärkt dank der Neuzugänge ihr für hohe Qualität bekanntes Angebot. Davon profitiert die alte Kunst, ein Aushängeschild der Highlights, und mehr noch die zeitgenössische: Contemporary Art bekam Platz im Loungebereich".

Seine jährliche Liste der Top 200 Sammler hat Artnews zusammengestellt, begleitet von einem Dossier unter anderem mit Artikeln über das Kaufverhalten mexikanischer Sammler von Shanti Escalante-De Mattei, über belgische Privatsammlungen von Sarah Belmont darüber, was einen Kunstsammler heute ausmacht von Maximilíano Durón.

Und ewig grüßt das Murmeltier vom Kunstkompass. Für das von dpa vorgestellte Ranking ließe sich ohne aufwendiges Redigat auch ein Text von letzten Jahr recyceln.

Das British Museum plane, seine Bestände innerhalb der nächsten fünf Jahre vollständig zu digitalisieren und öffentlich zu machen, meldet Daniel Ziegener bei golem. Wenn dann alle Welt weiß, was in den Depots schlummert, könnten sich die Rückgabeforderungen deutlich erhöhen.

In der immerwährenden nach Jerusalem des gerade angesagten Galerieviertels in New York löst gerade Tribeca das bislang führende Chelsea ab, erklärt Daniel Cassady bei Artnews: "Der Kunstberater und Gründer des Branchen-Newsletters The Baer Faxt, Josh Bae[r], erklärte in seinem Podcast am Donnerstag, dass die Schließungen von Galerien das widerspiegeln, was immer passiert, wenn es auf dem Kunstmarkt zu einer Verengung kommt. "Die Großen gewinnen immer, die Mittelständler werden verdrängt und die Kleinen bleiben auf der Strecke", sagte er über die darwinistische Natur der Branche."

Die mäßig erfolgreichen Ausflüge österreichsicher Museen in die Untiefen des NFT-Markts beschreibt Caroline Schluge im Standard: "Vor allem die Klimt-Schnipsel weckten großes Interesse, so war das Belvedere immerhin das erste Bundesmuseum, das auf den NFT-Hype aufsprang. Der vom Haus festgelegte Verkaufspreis von 1850 Euro pro Stück hat sich seit dem Launch im Februar 2022 nicht verändert, der Online-Marktplatz opensea.io weist jedoch nur noch 0,35 Ether, umgerechnet rund 527 Euro, als Mindestpreis aus. Seitens des Museums gibt man sich dennoch optimistisch. 'Der gesamte Markt befindet sich im sogenannten Kryptowinter. Dem wird auch ein neuer Frühling folgen', so Geschäftsführer Wolfgang Bergmann. Er argumentiert mit dem subjektiven Wert der Objekte, der nicht auf Kaufwertsteigerung spekuliere: Die digitale Liebeserklärung, als die man die Klimt-NFTs vermarktet hat, sei wie ein Verlobungsring, sie habe 'für die Beschenkten einen anderen Wert als der Marktwert der Materialien.'" Ein Verlobungs- oder Ehering hat in der Regel nach Übergabe einen Marktwert in der Nähe des Materialwerts. Der von der Autorin angegebene Verkaufspreis eines Klimt-NFTs liegt immerhin noch bei knapp einem Drittel des Originalpreises, das höchste Angebot beträgt jedoch lediglich knapp 200 Euro. Das allerdings bei einem Materialwert von Null.

Der Shitstorm, der über Artnet-Kunstkritiker Ben Davis hereingebrochen ist, nachdem er den auf TikTok weltberühmten Künstler Devon Rodriguez porträtiert hatte, war für ihn Anlass, sich mit dem Phänomen von Künstlerkarrieren in den Social Media genauer zu beschäftigen: "Wenn du eine Kunstausstellung öffentlich präsentierst, geht es in der Regel darum, zu sehen, ob du die Aufmerksamkeit von Menschen auf dich ziehen kannst, die dich nicht direkt kennen. Aber ich habe den Eindruck, dass die meisten Fans von Rodriguez vor allem von seiner ansprechenden Social-Media-Persönlichkeit angezogen werden und nicht von seinen eigentlichen Kunstwerken. Wenn das der Fall ist, ist es nur logisch, dass sich dadurch die Wahrnehmung von Kritik verändert. Seine Anhänger haben das Gefühl, dass ich eine Person angreife, die sie mögen, und nicht Kunstwerke beurteile oder ein Medienphänomen analysiere. Ich denke, das erklärt den Charakter der Reaktion, die einen Grad an roher persönlicher Wut aufweist, der in keinem Verhältnis zu dem steht, was ich in meinem Artikel geschrieben habe."


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Dr. Stephan Zilkens | Zilkens Kunstversicherung