Kobels Kunstwoche

Weder gutgemeint noch gut gemacht.
Weder gutgemeint noch gut gemacht.
Portraitfoto von Stefan Kobel

Stefan Kobel

Kobels Kunstwoche 34 2026

Die FAZ scheint ihren Kunstmarkt hinter der Paywall hervorgeholt zu haben. Zumindest sind alle aktuellen Artikel frei lesbar. Ältere Text sind gegen eine kostenlose Registrierung erreichbar. Die Saisonergebniss der Wiener Auktionshäuser fasst Nicole Scheyerer zusammen: „Das Kinsky steigerte seinen Halbjahresumsatz von 9,1 Millionen Euro im Jahr 2025 auf 10,4 Millionen. Im Dorotheum, das kürzlich Ziel eines vereitelten Juwelendiebstahls wurde, gibt man zwar keine Zahlen bekannt, spricht aber von der besten Frühjahrssaison seit Bestehen des Vielspartenhauses. Zu diesem Erfolg trugen eine antike Brosche mit einem 18,6-karätigen Kaschmir-Saphir und eine Taschenuhr des Schweizer Uhrmachers Thomas Engel ebenso bei wie das Gemälde einer Heiligen ohne Antlitz.“ Dass das Dorotheum seine Umsätze immer noch als Verschlusssache behandelt, spricht nicht gerade für das Unternehmen.

Ein Antiquariat mit Zukunftsperspektive stellt Sabine Spindler im Handelsblatt vom 14. August vor: „Wer sich auf Antiquariatsmessen umschaut, wird eine Öffnung zu neuen Sammelgebieten bemerken. Plattencover, Plakate, signierte Fotografien gehören bei vielen in der Branche längst dazu. Im [Hamburger] Hause Felix Jud heißt diese Sparte Wunderkammer. Sie birgt Fotoporträts von Harry Graf Kessler, einen 140 Millionen Jahre alten Saurierzahn oder ein paar Handschuhe aus dem Nachlass Karl Lagerfelds. Preislich startet man hier bei circa 400 Euro. 'Ich bin überzeugt, dass es nach der theoretisierenden, kühlen Moderne eine wiedererwachte Lust an nicht ganz rationalen Dingen und am Staunen gibt', meint der junge Antiquar [Robert Eberhardt], der im letzten Jahr eine Dependance in Keitum auf Sylt eröffnet hat. Das Cottage Felix Jud trifft die Sehnsüchte der Urlauber mit alten Landkarten und kleinen Antiquitäten, ist aber weit mehr als ein gehobener Souvenirladen.“

In Frankfurt hat auch Silke Hohmann von Monopol Fragen zu „A Sky Full of Hope“ über der Konstablerwache: „Der Etat dafür ist aus Künstlersicht traumhaft. Er kommt, das ist der Kulturdezernentin Ina Hartwig wichtig, nicht aus dem Kulturhaushalt, sondern war beim Stadtmarketing übrig. Er wäre sonst verfallen. Aber musste man ihn deshalb auch für etwas ausgeben, das so offensichtlich aus dem Eventbereich kommt? Die Wahl der Stadt fiel auf die US-Amerikanerin Janet Echelman. Im Kunstbetrieb ist sie weitgehend unbekannt, sie hat weder Galerie- noch Museumsausstellungen. […] Es ist ein Objekt mit der Ästhetik von Firmenevents bei Dax-Unternehmen. Etwas, mit dem sonst Konzerne zeigen, dass sie sehr viel Geld haben. Nicht das beste Signal in einer Stadt wie Frankfurt.“ Fragen zum Vergabeverfahren sind berechtigt. Das Werk unter ephemerer Event-Deko zu verorten, wird der Künstlerin Janet Echelman jedoch nicht gerecht. So waren Arbeiten von ihr im Wiener MuseumsQuartier, dem Chiostro del Bramante in Rom, dem Museo Nacional de Bellas Artes in Santiago de Chile, im Eingangsbereich der Arco Madrid sowie in mehreren großen Museen der USA (u.a. Denver, Miami Beach, Cambrige, MA) installiert. Ein Werk befindet sich in der ständigen Sammlung des Smithsonian American Art Museum. Zuletzt war sie Mellon Distinguished Visiting Artist am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Das sind sicher nicht die schlechtesten Referenzen. Mittlerweile hat es die aufgeregte Diskussion bis in die Tagesschau geschafft. Christoph Scheffer kommentiert dort: „Und was ist mit den Kosten? Klar, 2,3 Millionen Euro sind viel Geld. Doch es handelt sich überwiegend um Mittel, die in Zeiten der Corona-Pandemie genau für diesen Zweck bereitgestellt wurden: die Innenstadt mit Licht und Kunst zu beleben. Ob Echelmans Kunstwerk diese Funktion erfüllen kann, wird zudem wissenschaftlich begleitet. Es ist nicht schwer, mit den Reizwörtern 'Kunst' und 'Millionen' empörte Reaktionen auszulösen. Viel schwerer ist es, mit einer gezielten ästhetischen Intervention ein städtisches Areal weiterzuentwickeln.“

Das Offensichtliche hat Magnus Resch untersuchtm, mit Daten unterlegt und herausgefunden, dass Frauen in Institutionen und im Kunstmarkt unterrepräsentiert sind, wie er in der FAZ schreibt: „Das überraschendste Ergebnis ist, dass das Geschlecht für den späteren Erfolg eine deutlich kleinere Rolle spielt, als viele annehmen. Entscheidend ist vor allem das Netzwerk, in dem sich eine Karriere entwickelt.“

Um das richtige Netzwerk, das zu oft nicht sichtbar sei, geht es Ann Austin von Prazzle Art zufolge in der Kunstwelt: „Stell dir das Abendessen vor. Oder die exklusive Vernissage. Oder die Eröffnung vor der Eröffnung – die, die es nie auf die Einladung schafft. Ein Kurator, ein Sammler, der zufällig auch im Museumsvorstand sitzt, ein Galerieleiter, jemand von einer Stiftung. Namhafte Journalisten, die eingeladen wurden, um das nächste Image zu prägen. Guter Wein, noch bessere Gespräche. Niemand unterschreibt irgendwas. Das muss auch niemand. Bis jemand über das neue Ankaufsprogramm des Museums, den neuesten Künstler der Galerie oder die nächste Förderrunde der Stiftung liest, war die Hälfte davon bereits irgendwo zwischen dem zweiten Gang und dem Espresso oder dem ersten Rundgang und der Öffnung der Türen für alle anderen entschieden.“ Der Anspruch des Portals an sich selbst ist hoch, es preist sich an als „Medien- und Technologieplattform, die die Art und Weise neu definiert, wie Kunst entdeckt, erlebt und gefördert wird. Wir schlagen eine Brücke zwischen Kunst, Wirtschaft und Handel – durch Storytelling, Technologie und kuratierte Erlebnisse.“ Also als Netzwerk. Allerdings ist hier der Zugang käuflich für einen bescheidenen monatlichen Beitrag. Unter den Testimonials wird übrigens Sakhile&Me geführt, eine Frankfurter Galerie, die vor einem halben Jahr geschlossen hat.

Der Kunstfälscherbranche geht ein neues Buch nach, das dpa vorstellt: „Fälschungen sind so alt wie die Kunst selbst und heute ein riesiges Geschäft. Zahlen gibt es dennoch kaum, allein schon deshalb, weil der Markt differenziert ist und irgendwo in eine Grauzone zu legalem Handel übergeht. Ein Haupteinfallstor sind seit längerem Auktionsplattformen wie Ebay. Dort werden häufig Werke angeboten mit Erläuterungen wie 'Signiert mit...' oder 'zugeschrieben an...'. 'Anfangs wurde darüber noch gelacht, nach dem Motto: Wer da was kauft, ist selber schuld', sagt Henry Keazor, Autor des Buchs 'Täuschend echt - eine Geschichte der Kunstfälschung'. Keazor hat an der Universität Heidelberg die erste Studiensammlung mit gefälschten Kunstwerken aufgebaut. Inzwischen, so sagt er, wisse man, dass der Weg oft so aussehe: Ein kleiner, aber respektabler Sammler ersteht ein Kunstwerk auf Ebay und schleust es dann auf den Kunstmarkt ein, wo es im Laufe der Zeit immer höher gereicht wird. "Das Werk selbst kann unschuldig sein, muss also keine bewusst hergestellte Fälschung sein, aber es ist eben nicht das, wofür es ausgegeben wird.'“

In Italien wurden letzte Woche einerseits gestohlene Millionenwerke von Renoir, Cézanne und Matisse sichergestellt, wie APA meldet, andererseits mehrere, noch wertvollere Gemälde von Antonello da Messina aus einem Museum entwendet, meldet dpa.

Über eine möglicherweise nicht ganz unwichtige Entscheidung des Hessischen Finanzgerichts zur Einfuhr von Elfenbein berichtet beck-aktuell: „Eine Reisende brachte einen Elfenbeinanhänger aus der Türkei zurück nach Deutschland – ohne Genehmigung. Das Hessische FG hat die Einziehung durch den Zoll bestätigt. Dass das Stück seit 1970 im Familienbesitz sein soll, half der Touristin nicht. […] Ebenso wenig konnte sie sich auf die Ausnahme für persönliche Gegenstände in der Artenschutz-Durchführungsverordnung berufen. Denn die Rechnung aus dem Jahr 1970 wies einen Erwerb in Syrien nach, also in einem Drittland außerhalb der EU. Genau das schließe die Privilegierung aus.“ 1970 war die EU übrigens deutlich kleiner als heute – Großbritannien, Griechenland, Spanien und Österreich kamen zum Teil erst viel später dazu. Wer also etwa mit von der Oma geerbtem Elfenbeinschmuck oder einer Kroko-Handtasche in Urlaub fährt, sollte sich vorher vergewissern, dass er einen korrekten Kaufbeleg vorweisen kann.

Das Guggenheim in New York hätte gerne einen Picasso zurück, der im vor über 60 Jahren gestohlen wurde, berichtet Valentina di Liscia bei Hyperallergic: „In einer Klage, die diese Woche beim Obersten Gerichtshof des Staates New York eingereicht wurde, wirft die Guggenheim-Stiftung den in Massachusetts ansässigen Lawrence Jay Handler und Wendy Cohen Handler vor, das Gemälde unrechtmäßig zurückgehalten, die Eigentumsrechte des Museums missachtet und unrechtmäßig vom Besitz gestohlener Güter profitiert zu haben. Den Gerichtsunterlagen zufolge kauften die Handlers 'Femme dans un fauteuil' 1999 bei Beadleston Fine Art in Manhattan, fast 40 Jahre nachdem es in Pittsburgh verschwunden war. Das Guggenheim erfuhr jedoch erst im Juli 2023 vom Wiederauftauchen des Gemäldes, als ein Rechercheur bei Christie’s, der das Werk im Rahmen einer privaten Verkaufskommission untersuchte, das Museum darauf aufmerksam machte.“ Der Prozess weist über sich hinaus, weil das Gericht unter Berufung auf einen früheren Fall das Argument des gutgläubigen Erwerbs nicht gelten lassen könnte. „Das Gericht entschied schließlich, dass das Verfahren fortgesetzt werden könne, und festigte damit den Ruf des Staates New York als Gerichtsbarkeit, die dazu neigt, den rechtmäßigen Eigentümer eines Kunstwerks zu schützen, selbst wenn das Werk von einem gutgläubigen Käufer erworben wurde.“

Eine neue Fernsehserie der BBC spielt Kunstmarkt. The Big Deal with Steph McGovern . Katie White von Artsy freut sich über die Beteilugung ihres Arbeitgebers: „Die Artsy-Auktion ist eine von sechs realen Verkaufsherausforderungen, denen sich die Teilnehmer in der Serie stellen müssen. In anderen Folgen müssen die Teilnehmer Werke von Absolventen des Royal College of Art versteigern, zwei Luxuswohnungen nach Kundenvorgaben einrichten und gemeinsam mit der Künstlerin Margo McDaid in Margate Drucke und limitierte Auflagen verkaufen. Außerdem haben sie die Aufgabe, eine Sammlung für die Kabarett-Bar an Bord des Kreuzfahrtschiffs „Queen Anne“ zusammenzustellen, eine hochwertige Skulptur bei der Frieze London Brancheninsidern vorzustellen und auf der Affordable Art Fair zu verkaufen.“ Weniger enthusiastisch ist Apollo: „Auch auf die Gefahr hin, die Sendung zu spoilern: Die meisten Kunstwerke werden verkauft. Aber der Verkauf erinnert eher an einen Junggesellinnenabschied als an eine Auktion. Die Auktionatoren tragen orangefarbene Overalls und haben einen leicht einschüchternden deutschen Akzent. Soll das die Unnahbarkeit der Kunstwelt darstellen? Anstatt den Kunstmarkt für Kunstinteressierte zu öffnen, wirkt diese Sendung eher wie eine „Bargain Hunt“-Folge mit größerem Budget. Die Produzenten stöbern in den Kunsthochschulen nach etwas, das sich verkaufen lässt, und scheinen dabei vergessen zu haben, dass die Leute erst etwas über Kunst lernen wollen, bevor sie anfangen, sie zu sammeln.“

Als Präsidentin des Bundestages ist Julia Klöckner der Überparteilichkeit und den Regeln der Institution verpflichtet. Als CDU-Politikerin und Privatperson kann sie sich in den Sozialen Medien ausleben. Ein Instagram-Post fällt ihr allerdings gerade auf die Füße. Zum Schulanfang hat sie ihre Vision von der Einschulung veröffentlicht. Leider hatte die beauftragte KI, deren Einsatz wohl auch erst nachträglich gekennzeichnet wurde, aber gerade nur ausschließlich weiße, etwa zehnjährige Kinder im Programm. Kritiker, wie etwa ein professioneller Fotograf, wurden reihenweise blockiert und die Kommentarfunktion abgeschaltet. Inzwischen ist der Spiegel (Paywall) auf die Angelegenheit aufmerksam geworden.

Zwei Galerieschließungen meldet Margaret Carrigan aus London bei Artnet: „Die Beers Gallery in der Nähe des Barbican hat angekündigt, dass sie nach 14 Jahren am Ende des Monats schließen wird, während die seit zehn Jahren bestehende Galerie Sid Motion in Südlondon im Oktober ihren Betrieb einstellen wird.“ Ob eine Galerie nach zehn Jahren wirklich schon als alteingesessen zu gelten darf, ist allerdings Ansichtssache. Sid Motion hat an den letzten beiden Ausgaben der NADA Miami teilgenommen und zuvor mehrmals an der Photo London.

Die (gesund-) schrumpfende Pace Gallery hat zwei schwergewichtige Abgänge zu verkraften, meldet Daniel Cassady bei Artnews: „Amelia Redgrift, die Kommunikationsleiterin der Galerie, und Dani Forest Brandi, eine leitende Vertriebsleiterin, haben beide gekündigt. Wohin sie gehen, bleibt noch geheim. Quellen berichteten ARTnews jedoch, dass beide bereits leitende Positionen in anderen Bereichen der Kunst- und Kulturszene übernommen haben.“