Kobels Kunstwoche 44 2026
Wenn die Kunstwelt mit der Realität kollidiert, schließt die Art Basel Paris zwei Tage früher. Von einem „Marie-Antoinette-Moment“ spricht Elke Buhr bei Monopol: „Das ungute Gefühl in dieser Messewoche rührte nicht nur von der Angst um die Kunst oder der Sorge her, nach dem Messebesuch von einer Demonstration eingekesselt zu werden. Es mischte sich auch mit dem unangenehmen Eindruck, plötzlich selbst zur Zielscheibe zu werden – als Teil eines Systems, das von genau jenem ungerechten Reichtum lebt, gegen den sich die sozialen Bewegungen wenden. Das Kapital, das man braucht, um Kunst im oberen Segment zu sammeln, fällt eben nicht vom Himmel, sondern ist das Ergebnis einer Verteilung von Ressourcen, die allen Statistiken und Untersuchungen zufolge immer stärker zugunsten des obersten Prozents ausfällt. Auch in der Kunst schreitet die Konzentration von Geld und Macht an der Spitze des Betriebs voran, während die Mitte geschwächt wird. Und plötzlich, wenn nebenan die Barrikaden rauchen, wird es schwer, das zu vergessen.“
Dabei hatte es so gut angefangen, berichtet Katya Kazakina für Artnet: „Die Kunst verkaufte sich gut. Die Stände im Grand Palais waren brechend voll. Die Händler schienen vor Aufregung ganz aus dem Häuschen zu sein. Paris war noch immer erschüttert von den Unruhen und Plünderungen des vergangenen Wochenendes, doch unter der gewölbten Glaskuppel lief das Geschäft wie gewohnt weiter. Die ultra-exklusive 'Avant-Première' am Vortag war voller Energie gewesen. 'Es fühlt sich hier drin an wie in einer Blase', sagte mir ein Aussteller. 'Eine große Glasblase.' Laut den von der Messe zusammengestellten Zahlen meldeten die Galerien, dass sie während der ersten beiden Vortage mehr als 300 Werke für rund 147 Millionen Dollar verkauft hatten.“
Recht aufgekratzt berichtet Emil J. Sennewald in einem noch vor Bekanntwerden der vorzeitigen Schließung geschriebenen Artikel im Handelsblatt vom 23. Oktober über eine brummende Messe: „In einem Paris, wo man über verkohltes, knirschendes Glas von Messe zu Messe eilt, wird das mit modernistischem Strich gezeichnete Bild zum Kommentar: Janusköpfig blickt die Jugend in eine ungewisse Zukunft, vom Feuer getrieben, das sie anfacht. […] Der mediengeschürte Eindruck 'Paris is burning' schreckte nur wenige ab - Sammler aus Übersee, Asien, Süd- und Mittelamerika und Europa drängen sich im vor Verkaufsfreude surrenden Glaspalast, auf der Jagd nach hochpreisigen Meisterwerken. Und die liefern die Galerien reichlich, zumal die Hauptsektion von 177 auf 183 Aussteller gewachsen ist. Insgesamt sind fünf Aussteller mehr als 2025 dabei, und die Zahl der Neuzugänge ist mit 32 Erstteilnehmern hoch. In der Stadt heizen sechs Nebenmessen (Paris Internationale, Offscreen, Asia Now, Also Known As Africa, Post-Fair, Design Miami Paris) die Art Basel Paris zur Master-Show auf“.
Die Auswirkungen der vorzeitigen Schließung für die Aussteller thematisiert Bettina Wohlfarth in der FAZ: „Die meisten zahlkräftigen Sammler der Art Basel Paris, die Kunst zu hohen Preisen bei den weltweit größten Galerien kaufen, sind spätestens am letzten VIP-Tag abgereist, wie geplant. An den allgemeinen Publikumstagen am Freitag und am Wochenende interessiert sich dagegen normalerweise besonders das lokale Publikum für das Angebot mittelgroßer oder junger Galerien mit Werken von Künstlern im erreichbaren Preissegment. Oftmals holen sie an den letzten Messetagen die Kosten, die sie für eine Teilnahme an der Art Basel investiert haben, wieder herein, und finden die Aufmerksamkeit in der Breite, die sie brauchen. Diese Kunsthändler und ihre Künstler trifft die vorzeitige Schließung besonders hart.“
Hohe ethische Erwartungen hegt Felix von Boehm in der Weltkunst gegenüber der Messe und der Politik: „Die Entscheidung mag von vernünftigen Menschen, die verantwortungsvoll für die Sicherheit ihrer Besucher sorgen, getroffen worden sein. Dennoch sendet sie ein falsches Signal. Denn die verschlossenen Türen der wichtigsten Kunstmesse der Welt produzieren auch zwei andere Bilder: Die Kultur räumt das Feld. Und: Das Kapital zieht sich zurück. Eine Drohung genügt. [...] Es gäbe zahllose weitere Beispiele für gelebte kulturelle Vielfalt und Weltbürgertum, für das die Kunstwelt eigentlich stehen kann. Gerade deshalb hätte es eine sichtbare gemeinsame Anstrengung der Messegesellschaft und der Stadt Paris gebraucht, die Art Basel auch an diesem Wochenende als Ort der Offenheit und des Dialogs zu beleben. Warum dies unter den gegebenen Umständen als unüberwindbar erschien, muss aufgeklärt werden.“
Ursula Scheer kommentiert ebenfalls in der FAZ: „Die Art Basel in Paris könnte der Schweizer Muttermesse des Konzerns den Rang ablaufen, fürchtete man schon am Oberrhein und kann sich nun sagen: Wohl dem, der für die wichtigste Messe der Gegenwartskunst einen sicheren (Zollfrei-)Hafen hat. Die Zukunft der jüngsten Expansion der Art Basel ins Emirat Qatar, wo enorme Kulturinvestitionen Staatsräson sind, wird derweil vom anhaltenden Konflikt in der Region überschattet. In Paris aber geht es schon jetzt, drei Tage vor Eröffnung der dortigen Art Basel, um Schadensbegrenzung. VIP-Gäste haben vom Messedirektor Karim Crippa eine E-Mail mit der Versicherung erhalten, die Sicherheitsmaßnahmen seien erhöht worden. Alles also in bester Ordnung? Wohl kaum. Als Feindbild für gewaltbereite Randalierer, aber auch friedlich für bezahlbare Mieten und funktionierende Schulen Protestierende eignet sich das Pariser Glanzstück des Kunstmarkts allemal. In Paris reißt auf, was in ganz Europa spaltet.“
Warum Teile der Kunstwelt Teil des Problems sind, erhellt ein Zitat, das Scott Reyburn für die New York Times aufzeichnet: „'Das wird absolut keinen Unterschied machen', sagte Philip Hoffman, der Gründer der Kunstberatungsfirma Fine Art Group, über die Entscheidung, die Messe vorzeitig zu schließen. 'Alle meine Kunden haben ihre Geschäfte bereits abgeschlossen. Die Transaktionen sind unter Dach und Fach. Die meisten von ihnen werden Paris bis Freitag verlassen, und ich auch. Die Schließung wird sich nur auf die Touristen auswirken', sagte er.“ Womit wir wieder beim Marie-Antoinette-Moment angekommen wären.
Einen besonders exklusiven Marketing-Coup von Sotheby's stellt Bettina Wohlfarth in der FAZ vor: „Diese Ingredienzen zu einem Konzept für Privatverkäufe im gehobenen Kunsthandel aufzumischen, ist ein Geniestreich in Sachen Marketing. In der – von Krawallen und Ausgangssperren überschatteten – 'Semaine de l’Art' in der französischen Hauptstadt, während der die Messe Art Basel Paris sowie die wichtigsten Auktionstermine der französischen Herbsts stattfinden, lädt Sotheby’s erlesene Gäste an eine der besten Adressen der Stadt ein. […] Erst nach der Anmeldung erfährt man die Adresse; der Rahmen soll beim geselligen Unter-sich-Sein der Sammler exklusiv und vertraulich bleiben.“ Besser hätte das Timing kaum sein können.
Norman Braman, BMW-Händler und Kunstsammler, der eine entscheidende Rolle dabei spielte, die Art Basel nach Miami Beach zu holen, hat sich laut Brat Sokol in der New York Times bei den Bleibeverhandlungen der Schweizer mit der Stadt wieder engagiert, diesmal allerdings auf der Gegenseite: „Im Rahmen der neuen Vereinbarung erhielt die Art Basel von der Stadt zusätzliche Gutschriften für Polizei-, Feuerwehr- und Rettungsdienstleistungen, wodurch sich die jährlichen Einsparungen für die Messe auf insgesamt etwa 650.000 Dollar belaufen. Konkurrierenden Kunstmessen ist es nun außerdem untersagt, das Kongresszentrum 30 Tage vor und 30 Tage nach der Art Basel selbst zu mieten. Die Art Basel erhielt zudem ein Vetorecht gegenüber allen Veranstaltungen in öffentlichen Parks oder am Strand, die in einer umliegenden 'Art-Basel-Zone' von etwa einer Quadratmeile rund um das Zentrum stattfinden. [...] Vor diesem Hintergrund brauchten weder Murdoch noch MCH die Hilfe der Stadt, betonte Braman. 'Es ist nicht Sache der Steuerzahler, private Unternehmen zu subventionieren', sagte er. Außerdem, so fügte Braman hinzu, falls Basel tatsächlich wegziehen sollte: „Ich stehe in Kontakt mit Leuten – den neuen Eigentümern der Frieze-Kunstmesse –, die sofort nach Miami Beach kommen und den gesamten Zeitraum übernehmen würden, den die Art Basel derzeit einnimmt.“ (Belinda Bowring, eine Sprecherin von MARI, der Muttergesellschaft von Frieze, bezeichnete Bramans Behauptung als 'völlig unwahr'.)“
Auch als Auktionsstandort wird Paris immer wichtiger, wie die Versteigerungen der letzten Woche zeigen, über die Richard Whiddington bei Artnet berichtet: „Ein lange nicht mehr gezeigtes Gemälde von Claude Monet schrieb heute Abend in Paris Geschichte: Es wurde bei der Sotheby’s-Auktion der Schlumberger-Sammlung für 50 Millionen Euro (56,2 Millionen Dollar) verkauft – mehr als das Doppelte der unteren Schätzung. Damit ist es nun das teuerste Kunstwerk, das jemals auf einer französischen Auktion verkauft wurde. Insgesamt brachte die 'White-Glove'-Auktion der Schlumberger-Sammlung satte 74,4 Millionen Euro (83,7 Millionen Dollar) ein und ist damit der wertvollste Kunstschatz, der jemals bei Sotheby’s Paris unter den Hammer kam – 74 Prozent der Werke übertrafen ihre Vorverkaufsschätzungen.“ Jeni Fulton ist bei Monopol jedoch skeptisch: „Für einen Abend gelang Paris im oberen Preissegment des Monet-Marktes, was bislang New York und London vorbehalten war. Doch ein einzelner Rekord verändert keinen Marktanteil von sechs Prozent – zumal der Käufer aus Asien stammt. Ob das nächste "Iris" tatsächlich in Paris statt in New York versteigert wird, lässt sich aus einem einzigen Rekord nicht ableiten.“ Gerade der Umstand, dass der Käufer aus Asien stammt, ist allerdings eher ein Hinweis darauf, dass der Auktionsort keine so entscheidende Rolle mehr spielen könnte.
Den Auktionsrekord in Höhe von 34,3 Millionen Dollar für eine römische Antike meldet der Standard mit Agenturmaterial. Zuvor hatte Olga Kronsteiner ebendort die Geschichte des aus Österreich stammenden Kaisertorsos erzählt.
Die Sendung Marktplatz des Deutschlandfunks hat sich am 22. Oktober über eine Stunde lang dem schönen Thema „Schöne Dinge fürs Leben – Kunst kaufen“ gewidmet. Im Studio waren René Allonge, LKA-Komissar in Berlin, Justin Hoffmann, Direktor des Kunstvereins Wolfsburg, Kristian Jarmuschek, Berliner Galerist und Vorsitzender des BVDG sowie dem Journalisten Stefan Koldehoff.
Die Käuferzurückhaltung in China hat beim Aktienkurs von Hermès deutliche Bremsspuren hinterlassen, meldet ntv. Der Kurs hat sich seit Jahresanfang fast halbiert. Auch die Konkurrenten LVMH und Kering haben ähnlich Federn lassen müssen.